Poetry Slam boomt. Zu den Slams im Rhein-Main-Gebiet kommen regelmäßig hunderte Besucher und auch das Fernsehen hat die Dichterschlachten längst als gehaltvolle Alternative zu schwächelnden Comedy-Formaten für sich entdeckt. Schleifen TV-Sendungen und steigende Publikumszahlen der rauen Kunstform die Kanten ab? Wir sprachen mit Kennern und Ku?nstlern u?ber eine Szene im Umbruch.
Bis auf die Straße drängen sich die Menschen. Die Schlange vor dem KUZ in Mainz wird lang und länger, denn die Karten für den fünften Mainzer Poetry Slam sind heiß begehrt. Das Kulturzentrum wird an diesem Abend bis auf den letzten Platz besetzt sein. Seit dem ersten Dichterwettstreit im Dezember 2007 hat sich die Veranstaltung mit über 350 Besuchern zum größten monatlichen Slam der Region entwickelt.
Ein Boom im Verborgenen
Poetry Slam boomt – nicht nur in Mainz sondern in ganz Deutschland. Jedoch es ist ein sonderbarer Boom. Ein Boom im Verborgenen, irgendwo am Rande der Gesellschaft, abseits des medialen Fokus. „Poetry Slam führt ein Nischen-Dasein wie eine Unterkategorie von Indipendant-Musik“, versucht Boris Preckwitz das Phänomen zu erklären. Für die einen ist es das nächste große Ding – anderen ist Poetry Slam noch gänzlich unbekannt. Preckwitz ist ein Slammer der ersten Stunde und ein entscheidender Wegbereiter der deutschsprachigen Szene.
Er war dabei, als das Format Poetry Slam Ende der Neunziger aus den USA importiert wurde. 1986 hatte dort der Bauarbeiter Marc Kelly Smith in einem kleinen Club in Chicago den ersten Slam veranstaltet. Rock und Punk waren die Wurzeln der Bewegung und auf den Bühnen standen politische Minoritäten. Bei den Slams flogen Stühle, nicht selten gab es statt ausbleibendem Applaus und schlechter Wertungen gebrochene Nasen und wilde Schlägereien.
Heute fliegen zwar keine Stühle mehr, doch Poetry Slams ist noch immer rebellischer, experimenteller, überraschender als jedes etablierte Kleinkunstformat, als jede lauwarme Comedy-Show im Fernsehen. Auf einen urkomischen Vortrag über die eigene Großmutter mit Beatbox und Rap-Einlagen folgt ein verschrobenes Gedicht über den Sinn des Lebens; einem verkrampft vorgelesenen Text mit flachen pubertären Witzchen, grandiose Wortspielereien, die man der eigenen Muttersprache kaum zugetraut hätte. Lyrik, Kurzprosa, gereimt oder ungereimt – kein Abend gleicht dem anderen und das spricht sich herum: In Zeiten von You-Tube ist Mund-zu-Mund-Propaganda einer der Hauptgründe für die rasante Entwicklung der Slam-Kultur. Wer einmal dabei war, kommt wieder und bringt beim nächsten Mal gleich seine Kumpels mit. Die Verbindung zwischen Slammern und Publikum fasziniert. Direkt und gnadenlos ehrlich können die Zuschauer zeigen, wie der vorgetragene Text bei ihnen ankommt.
Poetry Slams sind die Lesungen für die Casting- Generation. Umjubelt werden vor allem humorvolle Texte. Platte Comedy setze sich immer häufiger gegen hochwertige, ernstahfte Lysrik oder Prosa durch, beobachtet Dr. Alexander Deppert alias Alex Dreppec. Er veranstaltet neben der berühmten Darmstädter Dichterschlacht, die über 1000 Besucher anlockt, auch mehrere kleine Slams in der Wissenschaftsstadt. „Ich habe das schon erlebt. Da möchte man weinen.“
Der 18-jährige Slammer Tilman Döring aus Darmstadt fordert, Witz müsse mit einer guten und interessanten Sprache verbunden werden, denn: „Lustige Texte sind wichtig und gehören zum Poetry Slam dazu.“ Jedoch: Selbst bei Texten, die als ernst angekündigt werden, wartet der Saal inzwischen minutenlang auf einen Gag. Bleibt dieser aus, vernimmt man nichts als irritiertes Schweigen. „Das Publikum will bis zum Erbrechen lachen,“ bedauert der Darmstädter.
Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege
Liegt es also an den Zuschauern, dass man manch einen Slam nicht mehr von einer Kabarettshow unterscheiden kann? Die Antwort wäre zu einfach: Das Format lässt es zu, dem Volk nach dem Mund zu schreiben.
Um dem entgegenzuwirken und nicht auf jeden Comedy-Mist reinzufallen müssten die Zuhörer ein kritisches Ohr entwickeln, sagt Boris Preckwitz. Doch häufig fallen sie rein. „Publikumsorientiertes Texten ist verlockend,“ gesteht Tilman Döring – auch er sei bereits ein zweimal unterlegen. Mit lautem Klatschen im Kopf, lässt sich nur schwer gegen den Strom schreiben. Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege. Siege bringen Bekanntheit. Bekanntheit bringt einen Slammer ins Fernsehen. Seit Februar 2007 zeigt der WDR am späten Sonntagabend den WDR Poetry Slam. Auch Alex Dreppec und Tilman Döring waren schon dabei. Im April diesen Jahres folgte die Sendung „Slam Palast“ – bezeichnenderweise auf dem Digital-Sender Sat 1 Comedy. „Nach der ‚Slam Tour mit Kuttner‘ zeigen wir ein weiteres Format im angesagten Genre Poetry-Comedy“, warb der Sender in einer Presseerklärung. Poetry-Comedy? Gibt es u?berhaupt noch einen Unterschied zwischen Poetry Slam und Stand-Up-Comedy?
„Selbst der lustigste Slam-Text hat noch einen Inhalt und genügt einem literarischen Mindestanspruch“, behauptet Sebastian Rabsahl, besser bekannt als Sebastian 23. Seine eigenen Texte seien zu 75 Prozent lustig, der Rest sei ernst.
Boris Preckwitz sieht den Schenkelklopfer-Trend kritischer. Der ehemalige Slammer, der sich inzwischen weitestgehend aus der Szene zurückgezogen hat, fürchtet um Kunst und Kultur: „Die Lacher werden zunehmend wichtiger als die Irritation.“ In der Tat wirkt die einstmals so anarchistische, wilde Kunst, die als Plattform diente, um soziale Ungerechtigkeiten und politische Missstände anzuprangern, heute wie das Magazin Neon in Versform. Probleme zwischen Frauen und Männern, Computer und Fäkalien sind die Themen, die junge Menschen zum Grölen bringen.
„Die Szenekultur wird zu Popkultur“, analysiert Preckwitz. Slams, bei denen man ohne Anmeldung seine Texte vortragen kann, sind zur Seltenheit geworden. Der Slam „13 Darmstädter Dichter“, den Alexander Deppert neben der großen Dichterschlacht ins Leben gerufen hat, um Poetry-Slam-Einsteigern in und um Darmstadt eine Bu?hne zu bieten, ist eine Ausnahme. Die ursprüngliche Kultur des offenen Mikrofons steht im Kontrast zur heutigen Professionalisierung des Poetry Slams.
Vom Untergrund zum Kassenschlager?
Wird die Untergrundkunst Poetry Slam zum kommerziellen Kassenschlager? Sebastian Rabsahl widerspricht: „Der Begriff „kommerziell“ wird gerne gebraucht, um kulturelle Strämungen, mit denen Geld verdient wird, zu brandmarken. Damit habe ich Schwierigkeiten. Natürlich ist es der Wunsch jedes Künstlers, von seiner Kunst zu leben. Und der Wunsch des Bäckers ist es, von seinem Brot zu leben. Dazu muss man es verkaufen. „L’art pour l’art“ – das halte ich für abwegigen Idealismus.“
Sebastian 23 gehört dem Lesezirkel von Poeten an, das quer durch die Republik von Slam zu Slam reist. „Zwischen gelebtem Traum und Besessenheit“ steht er fast jeden Abend als Solo-Slammer oder mit seiner Gruppe SMAAT, dem Gewinnerteam der deutschsprachigen Poetry-Meisterschaften 2007, auf der Bühne. Inzwischen können Slammer wie er tatsächlich mit Poetry ihre Brötchen verdienen. Doch den wenigsten gelingt das. Um die besten Slammer in seine Poetry Slam Show zu locken, zahlt der WDR bis zu 300 Euro – bei normalen Slams bekommen die Poeten in der Regel höchstens die Fahrtkosten erstattet. „Auf den Slammer in Goldketten und Ferrari warte ich immer noch“, witzelt Rabsahl. Die meisten Slammer werden wohl auch künftig ihren Broterwerb mit einem anderen Handwerk bestreiten müssen.
Doch auch ohne Goldketten und Ferrari – der Ruhm verändert den Charakter des Poetry Slams. Sollte er eines Tages tatsächlich zur Popkultur geworden sein, unterliegt er auch ihren Regeln: Ein Rohdiamant wird nach oben gespült, bis er zum weichen Handschmeichler wird. Und wenn ihn dann alle mal gestreichelt haben, fällt er schneller als ein Kieselstein.
