Haste mal 50.000 Euro?

WG for sale! Sechs Darmstädter Studenten leben schon, aber wohnen vielleicht nicht mehr lange. Als ihnen der Vermieter verkündete, er werde das Reihenhaus verkaufen, war das Entsetzen groß. Doch die Wohngemeinschaft in der Dieburger Straße will kämpfen: Sie gründeten den Verein „23G“ und beschlossen, ihr Zuhause im Komponistenviertel zu kaufen. Dafür brauchen sie bis September 50.000 Euro.

„Gestern waren hier widerliche Leute!“ schimpft die kleine alte Dame im Wohnzimmer der sechs Studenten. Widerlich – das sind für Frau Warnebold alle Leute, die der Vermieter durch das Reihenhaus neben ihr führt: Potentielle Käufer. Mögliche neue Nachbarn. Hoffnungsvoll blickt sie zu Simon, Beto, Sascha, Thomas, Nico und Lisa: „Ihr sollt doch bleiben.“
Doch die Zukunft der Wohngemeinschaft ist ungewiss. Im vergangenen Jahr hatte der Besitzer angekündigt, er wolle das Reihenhaus in der Dieburger Straße verkaufen. Er brauche das Geld. Seine Entscheidung – ein Schock für alle Bewohner.

23g

Seit 2004 sind die 189 Quadratmeter in der Hand der Studenten. Bis heute verteilten sich 19 Bewohnerinnen und Bewohner auf die sieben Zimmer. Ist einer der WG-Veteranen zufällig gerade in der Nähe, kommt er vorbei: Die WG ist der Heimathafen in Darmstadt – ein Ort mit familiärer Atmosphäre, an dem viele Freundschaften entstanden. Der Entschluss der scheidenden Mieter war somit schnell gefasst: „Wir wollen das Ding erhalten!“

Die erste Idee, das Haus zu kaufen und die Zimmer zu vermieten, wurde verworfen. „Zu teuer, zu kapitalistisch“, sagt Thomas. Stattdessen wurde im März ein gemeinnütziger Verein gegründet: 23G. Er hat zum Ziel, autonome Wohngemeinschaften für junge Menschen, Studenten und Auszubildende zu schaffen und zu erhalten. Allen voran ihre eigene.

350.000 Euro hat der Besitzer als Kaufpreis veranschlagt. Mit 50.000 Euro Startkapital aus Spenden, von Sponsoren und eigenen Aktionen wären die zu stemmen. Die Bewohner haben ein Finanzierungskonzept bei einer Bank vorgelegt: Abzüglich der 50.000 Euro Eigenkapital verbleiben 300.000 Euro, die durch die monatliche Miete refinanziert werden.
„Viele werfen uns vor, wir wollten mit dem Verein einfach unser Dach über dem Kopf retten, aber es geht um mehr“, sagt Thomas. Sie hätten sich auch ein neues Haus suchen können; das wäre einfacher gewesen. Der Verein soll später in eine Stiftung umgewandelt werden, um die Existenz der Wohngemeinschaft langfristig zu sichern und bundesweit ähnliche Projekte zu unterstützen. „Jeder soll die Chance haben, das hier zu erleben“, erklärt Nico die Beweggründe.

23g2

Sperrmüll statt Baumarkt

„Das hier“, das ist der spürbare Unterschied zwischen Zusammenwohnen und Zusammenleben. Die sieben Studenten und Absolventen führen einen gemeinsamen Haushalt ohne separierte Kühlschrank-Fächer und beschriftete Joghurt-Becher. Ärger gibt es in der WG-Familie nur, wenn jemand unnötig Geld ausgibt. Sperrmüll statt Baumarkt lautet die Devise in der Dieburger Straße. Im ganzen Haus hat die WG ihren Ideenreichtum unter Beweis gestellt: Den Lampenschirm im Wohnzimmer hält ein ausgedienter Auspuff. Die Terrasse erhielt eine „Extension“ aus Holz-Paletten und wurde mit einer 1000-Liter-Regentonne – dem Pool – und dem Grill-Giganten gepimpt.
Und auch beim Feiern sind die Jungs und Mädels aus dem Reihenhaus kreativ. Jedes Jahr veranstaltet die WG eine große Party. Immer mit Motto, immer rund um den 23. Juli. Das Datum ist kein Zufall: W und G sind die Buchstaben dreiundzwanzig und sieben im Alphabet. Thomas erzählt von den Highlights der vergangenen Jahre. Von der 24-stündigen „Barty“, bei der die Gäste aus dem Mobiliar der WG eine große Bar zimmerten, um daran mit 150 Leuten bis in den Mor­gen durchzuzechen. Oder von der „Komm’ bunt – geh’ einfarbig“-Fete, die nach wilden Tauschaktionen niemand in der eigenen Robe verließ.
Trotz dieser wilden Partys – Probleme mit der Nachbarschaft gab es nie. Gleich nach ihrem Einzug veranstaltete die WG einen Tag der offenen Tür und schaffte es, das berühmte Eis zu brechen. Seitdem pflege man in der Reihenhaussiedlung ein freundschaftliches Verhältnis, sagt Thomas und berichtet von Nachbarinnen wie Frau Warnebold, die ihnen Wein und Essen vorbeibringen, wenn die Jungs mal wieder den Hofdienst übernommen haben. „Auch die Nachbarn wollen, dass wir bleiben“, betont Nico.

Die Uhr tickt

Bis September hat die 23G, die eigentlich in 126A wohnt, Zeit, die 50.000 Euro zu beschaffen. Dann endet die Galgenfrist des Vermieters. Sollte die Mission scheitern, wird der Verein aufgelöst und das bisher gesammelte Geld für einen guten Zweck gespendet.
Noch will im Komponistenviertel aber niemand das Lied vom Scheitern anstimmen. Beim Darmstädter Nachtflohmarkt konnten unlängst die ersten Einnahmen für das Projekt „Zuhause in Darmstadt“ verbucht werden.
„Die ersten 5.000 Euro sind die schwersten“, sagt Thomas. Er glaubt, große Sponsoren von den Rettungs-Plänen der WG begeistern zu können. Erste Kontakte zur Stadt Darmstadt, einem Finanzmakler und der Darmstädter Firma Merck wurden bereits geknüpft. Es besteht also Hoffnung für Simon, Beto, Sascha, Thomas, Nico, Lisa – und Frau Warnebold.

Schreib was!