In Friedrichshain, Kreuzberg und Prenzlauer Berg sehen die Plakate nicht so aus wie in den restlichen Berliner Bezirken. Nicht etwa, dass die für Deutschland wenig repräsentative und bisweilen als bohème-hip bezeichnete Klientel ihr kreatives Wirken mit Edding auf die Politplakate ausgeweitet hätte. Es sind die Wahlwerbungen selbst, die aus dem Rahmen fallen. Keine Drei-Wort-Parolen oder gar pure Politiker-Portraitierung.
Björn Böhning, Jahrgang 1978 und SPD-Kandidat hat neben sein stilisiertes Konterfei gleich eine ganze Wortladung gezwängt – stolze 46 Worte umfasst die politische Aussage. Ganz in Internetmanier sind einige Begriffe gefettet und hervorgehoben. Ein Layout, das zum Kiez passen soll. Sein Wahlkreis sei „ein Labor für Kreativität und Kultur“, schreibt Böhning auf seiner Website. Das scheint zu funktionieren. Zumindest Web-Bekanntheit Sascha Lobo, der laut Wohnsitz eigentlich im Wahlkreis Pankow zuhause ist, unterstützt den SPD-Mann bei Veranstaltungen und im Netz. Sein Argument: Weil er besser ist als sein Gegner.
Sein Gegner im Wahlkreis 84 ist der längst etablierte Hans-Christian Ströbele. Schon bei den Bundestagswahlen 2002 und 2005 holte Ströbele das Direktmandat seines Wahlkreises – ohne dabei einen Listenplatz sicher zu haben. Seines Wahlsieges scheint er sich auch diesmal mehr als sicher zu sein: Obwohl Kandidat der Grünen, verzichten seine Wahlplakatierungen auf grüne Grundfarben und Logo.
Wer es nicht besser weiß, denkt beim flüchtigen Hinsehen womöglich eher an die Homosexuellenbewegung. Wie in einem Wimmelbuch für Kinder fühlt man sich hingegen, lässt man den Blick etwas länger über das Plakat schweifen: Neben Anti-Atomkraft-Symbolen und durchgestrichenen Hakenkreuzen finden sich selbst Marihuana-Blätter in der Gefolgschaft des Grünen-Politikers. Er selbst besteigt und überwindet einen Berg aus “Schwindelkrediten” und Atommüllfässern – auf dem wehenden Schal die Parole des Comandante Che Guevara: Venceremos! Hinsichtlich seiner Vergangenheit als Verteidiger verschiedener RAF-Angehöriger wie Andreas Baader ein gewagtes Abzeichen.
Ob nun im Netz-Stil oder schön farbig, die Plakate von Ströbele und Böhning zeigen, dass sich Politik nach den Wählern richten muss.
[…] Stellen der Hauptstadt begleitet. Angefangen beim Kiosk an der Ecke, weiter zum Wahllokal vorbei an untypischen Wahlplakaten hin zur Vorbereitung der Wahlparty bis schließlich zum Live-Bericht aus der […]