„Is‘ doch noch den janzen Tach Zeit“

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Die Clubs haben die letzten jungen Menschen ausgespuckt. Nach einer durchtanzten Nacht wanken sie über das Berliner Kopfsteinpflaster. Es ist Wahlsonntag in Berlin. In Deutschland. Neun Uhr. Seit einer Stunde haben die Wahllokale geöffnet. Die Urnen stehen bereit und warten auf Stimmzettel. Der blaue Himmel-Sonnenschein spricht für eine hohe Wahlbeteiligung. Die Prognosen hingegen für die niedrigste seit Jahren.

Eine junge Familie steht vor einem Eckkiosk im Stadtteil Prenzlauer Berg und schaut auf den Zeitungsständer. „Klar haben wir schon gewählt“, sagen Vater und Mutter unisono und tun gerade so, als sei das normal für diese Uhrzeit und dieses Land.  Die Zeitungsmacher scheinen da schon besorgter zu sein, die Schlagzeilen sprechen eine klare Sprache:

„Wir haben die Wahl“, titelt der Tagesspiegel; die Berliner Morgenpost ähnlich: „Deutschland hat die Wahl“. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung scheint gerade zu ungeduldig: „Endlich dürfen die Deutschen wählen“. Und die beiden lokalen Boulevardblätter appellieren an die Leser: „Bitte gehen Sie wählen“ fordert die B.Z. und der Berliner Kurier wortwitzelt: „Heute alle hier aufkreuzen“.

Ein Mann mit Drei-Tage-Bart und Vier-Tage-Hemd steht rauchend daneben. Er sieht das um einiges gelassener: „Is‘ doch noch den janzen Tach Zeit.“ Ob er denn wählen geht? „Wahrscheinlich“.

Genau so ernst nimmt die Wahl auch Deutschlands größte Boulevardzeitung Bild: „Wer lacht heute Abend?“, fragt sie auf ihrer Seite Eins.

Was um 18 Uhr sein wird, wenn in ganz Deutschland die ersten Hochrechnungen im Fernsehen gezeigt werden, das ist unklar. Die SPD, soviel scheint klar, wird ein Debakel erleben. Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen, erwartet “ein Fiasko” für die SPD. Er rechne fest mit einer “knappen, aber sicheren Mehrheit” für Schwarz-Gelb meldete am Samstag der Tagesspiegel.

Das sieht auch der Kioskbesitzer im Prenzlauer Berg so. Er erwartet sich weder viele verkaufte Zeitungen, noch einen Wechsel in der Politik: „Da bleibt alles beim Alten. Merkel wird’s wieder werden.“

Die CDU scheint sich indes nicht so sicher zu sein. Selbst den eher konservativen Lesern der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erklärt sie mittels Wahlwerbung auf der Seite vier: „Wer Merkel stärken will, muss CDU wählen“. Wer hätte das gedacht.

Ein Kommentar zu «„Is‘ doch noch den janzen Tach Zeit“»

  1. […] Tag lang haben wir die Wahl an verschiedenen Stellen der Hauptstadt begleitet. Angefangen beim Kiosk an der Ecke, weiter zum Wahllokal vorbei an untypischen Wahlplakaten hin zur Vorbereitung der Wahlparty bis […]

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