Den Durchblick verloren

Vor ziemlich genau zwei Monaten kamen Menschen in unsere Wohnung und nahmen uns unsere Fenster. Das war gut so, denn sie waren äußerst verdreckt und so ersparte man uns das Putzen.

Die neuen Fenster fanden flux ihr Loch in der Wand, doch: Irgendetwas fehlte. Wohin mit dem kitschigen Souvenir aus Südfrankreich? Fensterbank? Fehlanzeige.

Stattdessen blickte ich jeden Tag auf das wunderschöne Innere der Stahlbetonwand. Mit ein bisschen Glück und dem richtigen Winkel schienen sogar ein paar Sonnenstrahlen am Fensterglas vorbei direkt zwischen Fensterrahmen und Wand auf mein Gesicht. Die fehlende Dichtung macht’s möglich.

Heute, zwei Monate später also, findet auch der innere Rahmen samt Fensterbank ins Zimmer.
Zurück bleiben Erstaunen und Verzweifeln ob dieser unmöglichen Baustelle Karlshof, die wir unser Zuhause nennen.

Nicht abgedichtete Fenster sind dabei leider nicht der Höhepunkt einer katastrophalen Organisation. Sie reihen sich ein in löchrige Wände, Asbestfusch und jede Menge Dreck.

Viele Baustellen und ein sachdienlicher Hinweis

Heute hier, morgen dort. Viele Karlshofbewohner verstehen die Taktik der Bauleitung nicht.

Mal sind die Bauarbeiter an der einen, am nächsten Tag an der anderen Stelle.

Da tauchten die schrecklichen wie Spieße in die Luft gestreckten Stangen vor meinem Zimmer auf, wankten tagelang im Wind, um erst Wochen später zu einem Gerüst fertiggestellt zu werden.

An anderer Stelle, wurde schon einmal alles lichtdicht zugehängt, obwohl es erst viele Tage darauf notwendig gewesen wäre.

Vielleicht hat das auch alles seinen Sinn, überall neue Baustellen aufzumachen. Wie dem auch sei. Auf dem Weg von A nach B scheinen es die guten Asbestexperten wieder einmal eilig gehabt zu haben. Den sachdienlichen Hinweis in Photoform bekam ich heute von einem Blogleser. Danke dafür!

Abmahnungen hat es wegen der unsachgemäßen Asbestentfernung bereits gegeben. Sagt das Studentenwerk. Zufrieden kann man angesichts solcher Photos allerdings nicht sein.

Es gilt also weiterhin: Beobachtet das asbestöse Geschehen um euch herum und meldet es wenn nötig dem StuWe. Es geht um unser aller Gesundheit.

Es ward kein Licht

Wenn es einem um acht Uhr morgens so vorkommt, als sei es mitten in der Nacht, hat man entweder einen Jahrmartkt vor der Tür. Oder die Baustelle, auf der man lebt, hat mal wieder ein neues Gewand angezogen.

Lange Zeit hat sich nichts getan auf unserem Asbestexperimentierfeld. Jetzt steht auch vor unserer Tür (ja, wirklich. Sie öffnet nur noch zur Hälfte) ein Gerüst.

Heute morgen wurde unser Gang dann eingetütet. Mit duct tape befestigte Plane wandelt unseren Laubengang zum Tunnel.

Sieht irgendwer Licht am Ende?

Kunst im Karlshof?

Nichtsahnend läuft man nachhause und sieht plötzlich, dass da wo vorher noch der Zehnerbau des Karlshofes stand nur noch ein weißer Kasten zu sehen ist.

Das wirft natürlich viele Fragen auf. Ist das Gebäude so hässlich, dass man es verstecken muss oder war hier gar Verhüllungskünstler Cristo am Werk?

Nichts dergleichen ist der Fall. Die Karlshofrenovierung ist in vollem Gange und dabei werden, wie man ja schon mitbekommen hat, die alten Asbestplatten abgetragen. Damit sich der böse Asbeststaub nicht in der Umwelt verteilt wird der ganze Bau einfach eingepackt. Da fragt man sich nur was mit den Bewohnern passiert, die jeden Tag in das weiße Päckchen hinein und wieder heraus müssen.

Da wäre es mir lieber gewesen, Cristo hätte sich an unserem Gebäude ein wenig ausgetobt.

Asbest 3

Unter dem Gruppennamen So nicht! Sanierung des Karlshof. macht sich Kritik an der Asbestbeseitung mittlerweile auch im StudiVZ breit.

Die Gruppengründer schreiben, sie hätten es lange im Guten versucht, das Gespräch gesucht, Vorschläge gemacht: „Hat nicht viel geholfen. Jetzt gehen wir den zwingenden Weg“.

Anscheinend haben die Initiatoren schon Rücksprache mit Anwälten gehalten und rechnen sich Chancen aus, auf einen „sofortigen Baustopp“ und auf „faire Mietminderung“, die mit 15% bisher zu klein sei.

In Sachen Asbest ist man weniger zuversichtlich. Dabei ist gerade das bei youtube eingestelle Video mehr als aussagekräftig.

Asbest 2

Nun haben wir also doch den ersten Fall von Pfusch unsauberer Arbeitsweise.

Direkt über unserer Tür hängt ein Rest Asbestschindel. Es hat die Größe einer DVD-Hülle und ist definitv an mehreren Seiten gebrochen.

Genau das sollte eigentlich verhindert werden. Dass dann so ein nicht gerade kleines Stück an solch prominenter Stelle auch noch vergessen wird, zeugt von einer für meine Verhältnisse zu schnellen Arbeitsweise.

Übrigens: Mein Mitbewohner hat gestern mal einen Blick in die Asbestmüllsäcke geworfen. Ergebnis: Auch dort zahlreiche zerbrochene Schindeln.

Wir behalten das im Auge. Und hoffentlich nicht in der Lunge.

Asbest: Betreten der Baustelle verboten

Asbest (altgriech. ????????, asbestos, „unvergänglich”). So steht es geschrieben in der Wikipedia. So klebt es an unserer schönen Karlshof-Fassade.

Unvergänglich. Bis zum heutigen Morgen. Um 7 Uhr setze ich mich an den Frühstückstisch und keinen Meter neben mir pappt eine Gestalt im Schutzanzug ein gelbes Schild so an unsere gläserne Haustür, dass ich es von innen lesen kann: Betreten der Baustelle verboten.

Der Mann schaut etwas verdutzt, als er den Daumen auf den Kleber drückend in mein Gesicht blickt. Ich schaue mindestens genau so verdutzt zurück. Für einen Bruchteil einer Sekunde überlege ich, ob dieses Schild eine zweite Runde Schlaf rechtfertigen könnte, öffne aber doch die Tür und sage: „Entschuldigung, aber in einer halben Stunde muss ich hier raus.”

Man versichert mir, dass das kein Problem sei, da ja eh erst bei den Nachbarn begonnen würde. Ich schaue die drei Meter bis zur nachbarischen Tür herüber und denke: Aha.

Kurz bevor ich zum Bus gehe, schieße ich noch einige Photos. Zwar habe ich keine Ahnung, bis in welche Entfernung Asbest gefährlich ist – und noch splittert nichts – aber der etwas abseits stehende Arbeiter links hat den Mundschutz herunter genommen. Ich postiere mich also auf selber Höhe und beobachte das Treiben durch mein Objektiv. Irgendwann merkt das auch der an vorderster Front kämpfende Herr und wird leicht aufgeregt. Was wir da zu suchen hätten so ganz ohne Mundschutz. Ich sehe noch mal zu dem ungeschützten Mann neben mir, aber setze dann doch nicht zur Verteidigungsrede an. Rückzug ist angesagt. Im Treppenhaus holt mich der Gasmaskenmann doch noch ein, um mir den Sachverhalt zu erläutern.

Letztendlich bin ich ihm dankbar, schließlich habe ich keine Ahnung von Asbest und er hat Recht, wenn er sagt: „Am Ende bin ich Schuld, wenn Ihnen was passiert.”

Bleibt noch festzustellen, dass die Vorgehensweise auf mich Laien vernünftig gewirkt hat. Erst anfeuchten, dann in ganzen Stücken entfernen und eintüten. Gefährlich wird es wohl erst, wenn es splittert. Ob in so einem Fall jedoch die recht schlechte Isolierung der Fenster und Türen ein ausreichender Schutz ist, wage ich zu bezweifeln. Wo die Luft durchzieht, sind böse Asbestfasern nicht weit. Oder?