„Das ist keine Kompromissveranstaltung. Entweder du liebst es, oder du flüchtest“, sagt Shantel über das Phänomen Bucovina Club. Vor nunmehr fünf Jahren veröffentlichte der Frankfurter DJ, Produzent und Musiker Stefan Hantel, inspiriert von der Reise in die Bukowina, die Heimat seinerGroßeltern, die Compilation Bucovina Club. Es ist ein energetischer Stil-mix zwischen Ost und West, Tradition und Moderne. Balkan-Pop trifft auf jiddischen Klezmer, Roma-Blaskapellen auf türkische Volksmusik, Folkloreauf Elektronik. Von Frankfurt aus erobert die dazugehörige Veranstaltungsreihe BucovinaClub Kontinentaleuropa – ohne dabei über den Status des Geheimtipps hinaus zu kommen. Am 16. Mai wird Shantel der enthemmt tanzenden Masse in der Centralstation vom DJ-Pult zurufen: „Darmstadt, ihr seid der Bauch-nabel Europas! Die kosmopolitische Schnittstelle zwischen Orient und Okzident!“ – und wenn man nicht geflüchtet ist, wird man ihn verstehen, den Zauber von Bucovina.
Du hast dich in letzter Zeit ziemlich rar gemacht im Rhein-Main-Gebiet und bist durch ganz Europa getourt. Der Bucovina Club wird immer populärer. Ist Shantel noch Partisane oder schon Popstar?
Weder noch. In der eigenen Stadt ist es einfach, auf den Misthaufen zu krabbeln und laut zu krähen. Ähnliche Erfolge im Ausland zu erfahren ist die größere Herausforderung. Ich habe in Frankfurt angefangen und dann die Kreise immer weiter gezogen. Jetzt gehe ich Angeboten nach, egal aus welchem Winkel der Erde sie kommen.
Momentan sind das noch überwiegend Winkel in Europa. Planst du den Bucovina Club auch nach Südamerika, in die USA oder nach Asien zu exportieren?
Im März hatte ich eine Einladung nach Japan, die ich aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Auftritte in Amerika oder Südamerika sind ein logistisches und ökonomisches Problem, weil sie höhere Kosten verursachen. Zudem ist Nordamerika im kulturellen Kontext betrachtet eine Art Entwicklungsland. Es ist bezeichnend, dass viele US-amerikanischen Pop- oder Rockkünstler in ihrem eigenen Land keinen Fuß vor die Tür bekommen und ihre Erfolge hier in Kontinentaleuropa feiern.
Aber auch hier war es nicht einfach, die Menschen für den Bucovina Club zu begeistern.
Nein, es war überhaupt nicht einfach. Ganz im Gegenteil. Ich habe zu Beginn den strengen Wind des Unverständnisses und der Entrüstung gespürt. Die meisten Menschen, Plattenlabel oder Musikvertriebe konnten damit überhaupt nichts anfangen und haben mich für verrückt erklärt.
Gab es nach diesen anfänglichen Schwierigkeiten einen Punkt, an dem du plötzlich gespürt hast: Man, jetzt geht aber die Post ab?
Die Dynamik war schon am ersten Abend da. Die Szene war zwar kleiner, doch es war ein positives, berauschendes Erlebnis, bei dem unglaublich viel freigesetzt wurde: Energie, Hedonismus und Überraschung.
Diese Energie im Bucovina Club ist eine ganz besondere. Menschen ohne jegliche Affinität zum Tanzen fangen plötzlich an, sich wild zu bewegen. Wie schaffst du es, ihnen mit deiner Musik die Hemmungen zu nehmen?
Der Bucovina Club lebt von einem Zauber. Von einer Magie, die man nicht ganz entschlüsseln kann. Auch für mich ist es immer wieder eine Überraschung, zu beobachten wie viel möglich ist. Musik kann sehr viel bewegen und auslösen. Sie ist im positiven Sinne ein Mittel, gewisse Reglements und Beschränkungen für ein paar Stunden aus den Angeln zu heben.
Du bringst den Menschen hier die Kultur Osteuropas näher. Wie wird deine Musik in Osteuropa selbst aufgenommen?
Das musikalische Empfinden ist im Osten nicht anders als bei uns. Die Vorstellung, dass in Osteuropa an jeder Ecke irgendwelche wilden Gypsy-Partys und Hochzeiten stattfinden, ist ein totaler Quatsch – ein Klischee, das man aus Filmen von Kusturica kennt, aber nicht die Realität. Die Massenmedien servieren den Leuten einen westlich orientierten Unterhaltungspop. Meine Musik ist im Osten genau so exotisch wie hier. Beim Bucovina Club spielt es keine Rolle, ob du Deutscher oder Österreicher bist oder Serbe, Grieche, Rumäne oder Türke.
Die Bukowina, eine historische Landschaft zwischen Rumänien und der Ukraine, inspirierte dich zum Konzept des Bucovina Clubs. Es war die Heimat deiner Großeltern mütterlicherseits. Sie lebten vor ihrer Vertreibung in Czernowitz, wo es zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie ein gleichberechtigtes Zusammenleben verschiedener Kulturkreise gab. Ukrainer, Polen, Rumänen, Ruthenen, Juden, Roma und Deutsche…
…das war für mich immer ein magischer Ort! Schon in meiner Kindheit habe ich viel über diese Stadt gelesen und gehört. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Gegend von der Sowjetunion annektiert und es war schwierig, dorthin zu reisen. Nach dem Fall der Mauer habe ich mir Czernowitz angeguckt. Zunächst als Tourist ohne besondere Mission oder konkrete Idee. Ich wollte einfach den Geruch, den ich im Kopf hatte, mit plastischen Bildern ergänzen. Das war eine spannende Erfahrung, aber ich habe schnell festgestellt, dass die Ideale und Visionen, die diese Stadt in der Vergangenheit verkörperte, heute nicht mehr existieren.
Viele bringen deinen Namen mit den Filmen von Fatih Ak?n in Verbindung. Für „Auf der anderen Seite“ hast du den Soundtrack zusammengestellt und hattest sogar einen kurzen Gastauftritt im Film. Wie entsteht so ein Soundtrack?
Es war eigentlich unspektakulär. Fatih hat mich eines Tages angerufen und mich gefragt, ob ich den Soundtrack machen möchte. Ich war überrascht, habe ihm gesagt, dass ich so etwas noch nie gemacht habe und ihn gefragt, ob er sich sicher ist mit seiner Wahl. Filmmusik zu machen, ist etwas ganz anderes als ein Projekt wie Disko Partizani. Filmmusik ist eine sehr emotionale und atmosphärische Angelegenheit. Ich habe zugesagt, zuerst das Drehbuch gelesen und dann direkt die Musik gemacht – da wurde der Film noch gar nicht produziert. Es war eine Aufgabe, die ich als Bereicherung betrachte. Man sollte sich immer mit einem Bein aufs Glatteis bewegen und viele neue Herausforderungen und Möglichkeiten austesten.
Eine neue Herausforderung wartet im Sommer auf dich. Du bist auf vielen Festivals und die Leute kommen nicht explizit zu dir – Du kommst zu den Leuten…
Rockfestivals sind einerseits ein Haifischbecken, Massenveranstaltungen mit wenig Platz für Details. Andererseits erreicht man auf diesem Weg wahnsinnig viele Menschen. Ein Format wie Disko Partizani läuft nicht im öffentlich-rechtlichen Radio oder Fernsehen. Es ist selbstverständlich, einen Country-Song oder irgendeine Ami-Pop-Schnulze zu hören, nicht aber ein türkisches Lied. Das ist krank. Wenn ich das Radio anmache, höre ich nur West, West, West. Es muss doch die Möglichkeit geben, dass Roots-Musik ähnlich wie Reggae, Dancehall oder Latin Pop zum kulturellen Selbstverständnis werden kann. Wenn ich einen Teil auf dem Weg zu diesem Selbstverständnis beitragen kann, wäre das großartig.
Du bist nicht nur DJ, sondern auch Musiker und Produzent – betreibst mit Essayrecordings dein eigenes Label. Was können wir als nächstes von dir erwarten?
Es wird sicherlich irgendwann eine dritte Folge der Bucovina-Club-Reihe geben. Wann das sein wird, weiß ich noch nicht. Im Moment ist der Weg, den ich mit Disko Partizani eingeschlagen habe, die größere Herausforderung. Ich habe viele Ideen im Kopf, so dass es auf jeden Fall ein zweites Album geben wird.
Shantel über…
… Frankfurt
Frankfurt ist eine wunderbare Stadt, weil das, was man hier nicht hat – und das ist eine Menge – sich wunderbar erfinden kann. Der Bucovina Club ist auch so eine Erfindung gewesen. Man denkt, die neusten Trends müssen in London, Paris oder Berlin kreiert werden. Das ist aber Quatsch. Man kann das auch in einer unaufgeregten, etwas provinzielleren Stadt wie Frankfurt machen.
… Istanbul
Istanbul ist ein Schmelztiegel, in dem Geschichte, Tradition und Moderne hart aufeinander treffen. Es ist ein Kontrast-Ort. Man braucht Jahre, um diese Stadt zu verstehen und kennen zu lernen.
… Berlin
Berlin ist ein Durchlauferhitzer. Ich finde die Stadt nicht annähernd so elektrisierend und erquickend, wie sie in den Medien dargestellt wird. Da sind andere Plätze spannender. Das kann auch ein Provinzkaff sein, irgendwo in Ober-Österreich.
… Darmstadt
Der Fakt, dass ich hier seit einigen Jahren mit einer guten Entwicklung den Bucovina-Club in der Centralstation veranstalte, spricht für die Stadt. Man muss das Glück nicht unbedingt in der Ferne oder in der Metropole suchen. Man kann es auch in Darmstadt finden. Heißt ja nicht, dass man dort beerdigt werden möchte.
Stefan Hantel alias Shantel wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren. Nach einem Grafikdesign-Studium in Pariskehrte er 1991 nach Frankfurt zurück und eröffneteeinen Club. 1994 gründete er das Label Essayrecordings. Nach der Reise nach Czernowitz in der Bukowina erfand Shantel 2001 seinen weltoffenen elektronischen Stil neu und kreierte das Format Bucovina Club. 2006 wurde ihm dafür der BBC World Music Award zugesprochen, der neben dem Grammy eine der wichtigsten Auszeichnungen ist, die im internationalen Musikbusiness vergeben werden.
