
Deutschland vollführt den schwarz-gelben Richtungswechsel, die SPD ist in weite Ferne gerückt. Dieser subtile Vorbote des amtlichen Endergebnisses der deutschen Bundestagswahl 2009 – er klebte schon am Boden des Willy-Brandt-Hauses, bevor die erste Hochrechnung kam.
Mindestens genau so lange vorbereitet wie die Wahlparty der SPD, war auch die Berichterstattung für derStandard.at, die Tobi und ich gestern aus Berlin übernehmen durften. Einen Tag lang haben wir die Wahl an verschiedenen Stellen der Hauptstadt begleitet. Angefangen beim Kiosk an der Ecke, weiter zum Wahllokal vorbei an untypischen Wahlplakaten hin zur Vorbereitung der Wahlparty bis schließlich zum Live-Bericht aus der Parteizentrale.
Die Lehren und Einblicke eines solchen Tages will ich an dieser Stelle gerne teilen.
Wiki-wiki – schnell, schnell !
Schon in einigen Projekten zuvor haben wir es lieben gelernt und können es gar nicht oft genug empfehlen: Das Wiki. Nimmt man eine simple Variante wie das DokuWiki, ist es schnell aufgesetzt und einsatzfähig.
Gerade weil wir nicht in einer festen Bürostruktur zusammenarbeiten, hat uns das Wiki geholfen, Hintergrundinfos, Statistiken und Fundstücke an zentraler Stelle zu sammeln. So konnten wir von unterwegs sehr schnell etwa auf gesammelte Statistiken zurückgreifen und mussten diese nicht zeitraubend recherchieren.
Wo, wann und wie schnell?
So dröge es auch scheint: Zeit- und Routenplanung sind das Rückgrat. Unsere Aufgabe war es, in wenigen Stunden an so vielen Orten wie möglich Stimmung und Meinungen einzuholen. Nachdem wir unsere wichtigsten Stationen definiert hatten (Wahllokal, Wahlpartys, besondere Wahlkreise), haben wir uns den Stadtplan geschnappt und die Etappen geographisch sinnvoll aneinander gepappt. Dazwischen immer schön Luft fürs Schreiben.
Die im Wiki abgelegten Adressen waren direkt mit Google Maps verlinkt, sodass das schlaue Mobiltelefon sofort die Führung übernehmen konnte. Was beim nächsten Mal noch besser gehen kann: Nicht nur die exakten Adressen, sondern auch umliegende U- und S-Bahnstationen recherchieren.
Alles da, wenn auch wir da sind?
Akkreditierungen sind nicht gleichzeitig die Garantie auf einen Online-Zugang. Wer nicht ohnehin mit seinem eigenen UMTS-Zugang unabhängig ist, sollte spätestens bei der Akkreditierung nachfragen, welches dreiseitige Dokument zu unterschreiben ist, bevor einem gnädig das WLAN geöffnet wird. Bei besonders großen staatstragenden Organisationen (natürlich nicht die CDU, neeein) werden Anmeldungen bisweilen auch nach zweimaligem Akkreditieren nicht wiedergefunden – da hilft nur Nachfragen.
Zu zweit ist besser.
Der Multifunktionsjournalist ist mehr Utopie als Zukunft. Mag es auch Luxus gewesen sein, dass wir im Zweier-Team unterwegs waren, für die Qualität war es sicherlich ein Muss. Es ist einfach nicht möglich, gleichzeitig Photos zu machen, mitzuschreiben und auf das Gesagte zu achten. Wer das versucht, vernachlässigt mit Sicherheit mindestens eine der Komponenten.
Dass wir als Online-Journalisten für sämtliche Medien und Formate ausgebildet werden, ist dabei kein Widerspruch. Gerade durch die interdisziplinäre Ausbildung konnten wir je nach Situation die Rollen von Photograph und Texter wechseln, oder mit der Redaktion kommunizieren, während der andere die Bilder bearbeitete. Für das Redigieren liegen die Vorteile sowieso klar in vier Händen.
Onlinesein!
Mehrmals haben wir die Orte gewechselt – natürlich nicht nur nach Plan. Flexibilität ist für einen Journalisten selbstverständlich. Die Mittel müssen es aber auch sein. Ohne den mobilen Internetzugang wären wir um einiges langsamer gewesen und hätten manches womöglich nicht entdeckt. Was Endgeräte und Datenflatrates betrifft, ist aber gerade in Deutschland noch viel Luft nach oben.
Alte Journalistenhasen mögen hier vielleicht nur zustimmend nicken, angehenden Journalisten oder in der Ausbildung steckenden – so wie wir selbst auch – mögen unsere Erfahrungen vielleicht aber auch der eine oder andere Gedankenanstoß sein. Oder wie steht’s mit eurer Erfahrung?

„Ob hier schon was los war? Da müsst ihr später kommen“, sagt Wahlhelfer Falk Berndt, 34 und lacht. Vor 14 oder 15 Uhr ginge in diesem Stadtteil kaum einer wählen. Zusammen mit fünf weiteren Wahlhelferinnen und Wahlhelfern sitzt Berndt in einem Klassenraum der Käthe-Kollwitz-Oberschule im Wahlkreis Pankow. Die Wahlhelfer arbeiten in zwei Schichten. Eine früh, eine spät. Sie geben Stimmzettel aus und haken ab, wer sein Kreuz gemacht hat.
Pankow ist nicht gerade repräsentativ für Deutschland. „Doch welcher Wahlbezirk ist das schon“, fragt einer der Wahlhelfer. In der Nähe von Essen gäbe es ein Dorf, das immer ganz nah am am bundesweiten Endergebnis dran sei.
2005 lag in Pankow die SPD vorne. Sie gewann 34,6 Prozent der Stimmen, gefolgt von der Linkspartei mit 24,4 Prozent. Die CDU? Abgeschlagen mit lediglich 14,4 Prozent. Und hätte allein dieser Bezirk im Osten Berlins über die Zusammensetzung des Bundestages entschieden, die FDP wäre mit 5,7 Prozent fast an der Fünf-Prozent-Hürde und damit am Einzug ins Parlament gescheitert.
Und heute? Demoskopen gehen davon aus, dass derzeit noch 40 Prozent der Wähler unentschlossen sind, wo sie ihr Kreuz machen sollen. Was also mag einem Wähler auf dem Weg zur Käthe-Kollwitz-Oberschule durch den Kopf gehen?
Merkel war nicht schlecht, aber auch nicht gut. Die SPD ist zu rechts, die Linken zu links, die Grünen zu grün und überhaupt: Von Wirtschaft haben die doch keine Ahnung. Dabei ist doch Krise. Also Stammwählen? Wechselwählen? Stell dir vor, Guido Westerwelle wird Außenminister. Stell dir vor, Frank-Walter Steinmeier bleibt Außenminister. Wieder Große Koalition. Willst du das? Ja? Dann wähle Grün. Taktisch klug. Ist das Überzeugung? Ist das noch Demokratie? Also lieber gleich ungültig wählen? Aus Protest. Protestwahl! Bin ich WIR? Weg mit Hartz IV! Links? Rechts? Ruck? Zu radikal. Also Volksparteien wählen. Aber wie viel Volkspartei steckt noch in den Volksparteien? Kann angesichts dieser Umfragewerte überhaupt von Volksparteien gesprochen werden? Die Kinder, die Steuern, die Schulden, die Krise, die Krise, die Krise, das Geld, die Zukunft und Opel und Umwelt. Atom und Lobby, Fernsehduell und Afghanistan. Und wer sind eigentlich diese Piraten?
Wir fragen die, die gerade gewählt haben. „Erststimme Thierse, Zweitstimme CDU“, verrät uns ein junger Familienvater. Wolfgang Thierse (SPD), von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages und seit 2005 Vizepräsident, wohnt gleich um die Ecke in der Knaackstraße. Einer aus dem Kiez. Einer, der anerkannt wird. 2005 gewann er über 40 Prozent der Erststimmen. Wirklich aus Überzeugung habe er nicht gewählt, erzählt uns der Mann. Der Wahl-O-Mat habe schließlich den Ausschlag gegeben – „auch wenn da ganz kuriose Parteien vorne mit dabei waren.“ Er wünscht sich den Fortbestand der Großen Koalition. Das sei doch gar nicht so schlecht gewesen.
Die wenigen älteren Menschen, die ins Wahllokal kommen, wollen uns nicht sagen, wen sie wählen. Anders Mattia Bier. „Grün, Grün, Grün“, sagt die junge Frau noch ehe wir unsere Meinungsforscherfrage beenden können. Sie wählt aus Überzeugung. Keine taktischen Spielchen. So könne Demokratie doch nicht funktionieren, meint sie. Dass die Chancen auf eine Regierungsbeteiligung der Grünen von den Demoskopen als gering eingestuft werde – Mattia Bier zuckt mit den Schultern. „Ich glaube fest daran, dass die Grünen an einer neuen Regierung beteiligt sind“, sagt sie und fährt mit dem Fahrrad in den Wahlsonntag.
970 Menschen könnten heute theoretisch in einer der zwei Wahlkabinen im Klassenraum ihr Kreuz machen. Doch dass die alle kommen – daran glaubt im Wahllokal niemand. Kristin Pfeiffer, 23, hilft bereits zum zweiten Mal. Sie hat sich ein Buch mitgenommen, ihre Nachbarin macht Kreuzworträtsel. Ab 18 Uhr werden sie die Stimmzettel auszählen und das Ergebnis telefonisch weitergeben.

Die Clubs haben die letzten jungen Menschen ausgespuckt. Nach einer durchtanzten Nacht wanken sie über das Berliner Kopfsteinpflaster. Es ist Wahlsonntag in Berlin. In Deutschland. Neun Uhr. Seit einer Stunde haben die Wahllokale geöffnet. Die Urnen stehen bereit und warten auf Stimmzettel. Der blaue Himmel-Sonnenschein spricht für eine hohe Wahlbeteiligung. Die Prognosen hingegen für die niedrigste seit Jahren.
Eine junge Familie steht vor einem Eckkiosk im Stadtteil Prenzlauer Berg und schaut auf den Zeitungsständer. „Klar haben wir schon gewählt“, sagen Vater und Mutter unisono und tun gerade so, als sei das normal für diese Uhrzeit und dieses Land. Die Zeitungsmacher scheinen da schon besorgter zu sein, die Schlagzeilen sprechen eine klare Sprache:
„Wir haben die Wahl“, titelt der Tagesspiegel; die Berliner Morgenpost ähnlich: „Deutschland hat die Wahl“. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung scheint gerade zu ungeduldig: „Endlich dürfen die Deutschen wählen“. Und die beiden lokalen Boulevardblätter appellieren an die Leser: „Bitte gehen Sie wählen“ fordert die B.Z. und der Berliner Kurier wortwitzelt: „Heute alle hier aufkreuzen“.
Ein Mann mit Drei-Tage-Bart und Vier-Tage-Hemd steht rauchend daneben. Er sieht das um einiges gelassener: „Is‘ doch noch den janzen Tach Zeit.“ Ob er denn wählen geht? „Wahrscheinlich“.
Genau so ernst nimmt die Wahl auch Deutschlands größte Boulevardzeitung Bild: „Wer lacht heute Abend?“, fragt sie auf ihrer Seite Eins.
Was um 18 Uhr sein wird, wenn in ganz Deutschland die ersten Hochrechnungen im Fernsehen gezeigt werden, das ist unklar. Die SPD, soviel scheint klar, wird ein Debakel erleben. Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen, erwartet “ein Fiasko” für die SPD. Er rechne fest mit einer “knappen, aber sicheren Mehrheit” für Schwarz-Gelb meldete am Samstag der Tagesspiegel.
Das sieht auch der Kioskbesitzer im Prenzlauer Berg so. Er erwartet sich weder viele verkaufte Zeitungen, noch einen Wechsel in der Politik: „Da bleibt alles beim Alten. Merkel wird’s wieder werden.“
Die CDU scheint sich indes nicht so sicher zu sein. Selbst den eher konservativen Lesern der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erklärt sie mittels Wahlwerbung auf der Seite vier: „Wer Merkel stärken will, muss CDU wählen“. Wer hätte das gedacht.