„nachts in darmstadt“

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Der Grund unser aller Stille hier hat gleich mehrere Ursachen. So lange haben wir nichts mehr von uns hören lassen, dass ein ganzes Magazin, ein über 200 Seiten starkes Buch und ein zwei Umzüge in diese stille Zeitspanne passen.

Das Studentenmagazin darmspiegel fand im April 2009 seine Jubiläums- und zugleich auch letzte Ausgabe – nach zuletzt sogar fünf erfolgreichen Printausgaben. Es war die Routine, die uns dazu motiviert hat, dieses erste und niemals bereute Sprungbrett weiterzudenken.

Am selben Tag, an dem wir das Projekt darmspiegel ad acta legten, beförderten wir eine ganze Fülle an neuen Themen aus den Tiefen unserer Ideen ans Tageslicht. Und knippsten das Licht zugleich aus. Zunächst an eine Sonderausgabe zur Nacht in Darmstadt gedacht, merkten wir recht bald, dass „nachts in darmstadt“ mehr ist. Es könnte die Seiten eines ganzen Buches füllen, ja es musste!

„nachts in darmstadt“ ist genau das geworden: 224 Seiten, UV-Lack und Prägung, mit wunderschönen Reportagen, Fotostrecken, Lyrik, Portraits, Interviews und Illustrationen – ein „wahres Buchkunstwerk“, wie etwa die FAZ resümiert.

Natürlich, und das bleibt nicht aus, denn auch ich bin Gesellschafter unseres kleinen, aber feinen Verlages, kann man dieses Werk auch erwerben: Unter shop.darmspiegel.de ist das möglich, aber auch bei vielen freundlichen Buchhandlungen in und um Darmstadt.

Noch ein kurzes Wort zu dieser Seite. Nach zwei aufreibenden Projekten, zollen wir nun alle dem berufspraktischen Semester den vollen wohlverdienten Tribut und wagen einen weiteren Schritt in die harte Realität des Arbeitens (so unbekannt ist sie uns ja doch nicht).

Während es Caspar, musikberufen, zur Visions nach Dortmund zieht, verlagern Tobi und ich unsere journalistischen Kompetenzen für eine gewisse Zeit nach Berlin. Tobi hospitiert in der Online-Redaktion der ZEIT, ich für meinen Teil bin in der Gründerszene unterwegs. Diese Seite wird und soll künftig als kleine Portfolio-Werkschau dienen und nicht zuletzt uns drei zumindest online zusammenhalten.

Freecard „nachts in darmstadt“

Mit freundlicher Unterstützung des Art Directors des darmspiegel, Andreas Strack, entstand diese Freecard, mit der wir Darmstadt auf das Buch und die Lesung „nachts in darmstadt“ aufmerksam machten. Die alte Dame auf dem Foto ist Ankes Oma. Das Foto stammt aus der Fotostrecke „Erwischt!“ von Anja Behrens, ebenfalls erschienen in „nachts in darmstadt“.

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Kochen ist Anarchie

Fünf rote Sterne deluxe: Wer die Rote Gourmet Fraktion als Tour-Köche engagiert, schlemmt backstage im Schlaraffenland. Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen über Punkrock-Catering und die politisch korrekte Studenten-Küche

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»I hate Christmas. I hate Jesus. But it’s okay that it’s gone.« Ein englischer Rowdie mit knolliger Nase und verquollenen Augen antwortet grinsend auf die Frage nach den Feiertagen. Keine Festtagsromantik am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags in der Frankfurter Festhalle. Männer mit Helmen und verwüsteten Frisuren, schweren Stiefeln und Pullovern von Bands quer durch die Rockgeschichte schleppen zentnerschwere Bühnenbauteile, installieren Scheinwerfer und Technik, klopfen, hämmern, schrauben. Zehn Stunden später werden hier die Toten Hosen in der ausverkauften Halle spielen. Frankfurt ist eine der letzten Stationen ihrer »machmalauter«-Tour im Jahr 2008. Mit auf Tournee ist auch diesmal die Rote Gourmet Fraktion (RGF). Der Catering-Service von Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen ist seit Jahren ein treuer Begleiter der Hosen.
In den Katakomben der Festhalle versorgt das Team um die beiden Hamburger sowohl Band als auch Crew mit Speis und Trank. In der Cafeteria sitzen einige der Arbeiter beim Frühstück. Tannenzweige, Kerzen und Nüsse zieren die Biertische, überzogen mit roten Plastiktischdecken. Etwas Festtagsromantik für hartgesottene Rocker. Das Buffet hingegen ist klassisch gehalten: Plastikratten und Totenköpfe blicken zwischen Cerealien, Obst, Kaffee, Brötchen und Warmhaltevorrichtungen hervor. An der Wand hängt ein großer schwarzer Stofffetzen: »All Cooks Are Bastards« – ein Späßchen, gewachsen auf den Mist eines gewissen Farin U. Das RGF-Banner mit dem inzwischen markenrechtlich geschützten roten Stern prangt direkt über der Anrichte. Der Name stößt bis heute auf Ablehnung. Doch er dient auch als Filter; bewahrte die RGF vor unliebsamen Kunden, als Jörg und Ole noch zu zweit in den Hinterzimmern deutscher Konzerthallen Musikermampf kredenzten.

AC/DC dröhnt aus der Küche nebenan. Der iPod auf der großen Box mit den zahllosen Gewürzen läuft auf Dauerrotation. Um 7.45 Uhr gingen bei der RGF heute die Trucktüren auf. Während nach und nach alle Flightcases mit Herden, Kaffeemaschinen, Mikrowellen, Töpfen, Deko, Geschirr und Gedöns in die Kellerräume der Festhalle gewuchtet wurden, lief der erste Kaffee durch. Nur 30 Minuten später brutzelten die Rühreier in der Pfanne. »Die erste halbe Stunde ist zum Wachwerden. Da müssen alle Vollgas geben«, sagt Ole. Und mit Vollgas geht es weiter. Mindestens bis halb zwölf in der Nacht, manchmal länger.

Längst sind Ole und Jörg nicht mehr alleine. Die RGF ist fast 16 Jahre nach der Gründung Veranstalter von Show-Koch-Events, Eventcaterings und Kochkursen. In Hochzeiten sind bis zu 50 Leute beschäftigt. In Frankfurt sind es deren sechs. Sie schnibbeln, dünsten, kochen, kosten. Ein junger Koch mit schwarzer RGF-Pudelmütze steht an einem der mobilen Herde. Sein tätowierter Arm brät Fleischwurst an; deftige Kost für hungrige Arbeitermägen. »Die Jungs sind da draußen Traversen am kloppen. Denen kannst du nicht mit kleinen Tellerchen kommen«, weiß Jörg um die Wu?nsche der Kunden. »Mittags gibt’s was Derbes, Gullasch oder Hackbraten – abends dann richtige Angeberteller mit frittierter Garnitur und Schaumsößchen.«

Die Menüs entstehen in den Tagen vor der Tournee in der RGF-Homebase in Hamburg. Die Zutaten kauft die Crew vor Ort beim nächsten Lebensmittelgroßhandel. Für frische Produkte und Extrawünsche ist jederzeit ein ortskundiger Runner abrufbereit. Das ist zum Beispiel, »wenn Earth, Wind & Fire zweieinhalb Kilo Ingwer bestellen«, sagt Ole, »und ich das durch die Saftpresse hauen und erwärmen muss, um es dann nochmal durch den Kaffeefilter zu jagen. Die trinken das mit irgendwas, weil’s gut fu?r die Gesundheit ist. Das ist für jemanden, der das liest, ausgefallen. Für uns ist das ganz normal.«
Bei der Menüwahl dürfen alle ihre Ideen einbringen. Rezepte als Inspirationsquelle nutzt Ole nicht. Kochen ist Anarchie. Aber weil jede gepflegte Anarchie eine gewisse Hierarchie brauche, gebe es auch in den fahrenden Küchen der RGF Küchenchefs, erklärt Ole. Jörg und er stehen selbst immer seltener hinter dem Herd. »Wir versuchen das so häufig wie möglich, doch wenn dauernd das Handy klingelt, kann man einfach nicht kochen«, sagt Jörg und schmeckt schnell noch die Curry-Sauce für das bevorstehende Mittagessen ab.

Ding oder Ding

Diese Illustrationen entstanden für den darmspiegel. Monatlich illustrierte ich den Rätselspaß mit dem Arbeitstitel „Ding oder Ding“. „Bild oder Bibel“, „Rasen oder Reichstag“, „Physalis oder Syphilis“, die Leser mussten entscheiden in welche Gruppe Geschichten oder Begriffe einzuordnen sind.

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Ich fühle mich wie ein Koffer

Am 14. November müssen die Wodka-Vorräte Darmstadts aufgestockt werden. Auf seiner Lesung und der anschließenden Release-Party der neuen Russendisko-Compilation verspricht Wladimir Kaminer, die ganze Centralstation platt zu klopfen. Warum er nie einen fiktionalen Roman schreiben wird und Bier kapitalistischer Beschiss ist, verrät der Autor im Gespräch mit dem darmspiegel

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Herr Kaminer, in einem Spiegel-Interview haben Sie gesagt, dass sie pro Woche nur eine DIN-A4-Seite zu Papier bringen. Trotzdem haben Sie in den vergangenen acht Jahren zwölf Bücher veröffentlicht. Die Rechnung geht nicht ganz auf, oder?

Kaminer Russendisko ist im Jahre 2000 erschienen. Das waren Texte, die ich 1998 und 1999 geschrieben habe. Außerdem geht die Rechnung sehr wohl auf: Ein DIN-A4-Blatt mit zwölfer Schrift sind 4.500 Zeichen, das sind drei Buchseiten. 53 Wochen im Jahr mal 4.500 Zeichen, das macht 250.000 Zeichen. Das sind anderthalb Bücher. Das geht schon irgendwie.

Die alten Notizen sind nun alle verschrieben. Wird es in Zukunft weniger Bücher geben?

Kaminer Ich arbeite nicht am Fließband. Mein Hauptanliegen ist nicht, eine bestimmte Anzahl von Zeichen zu produzieren. Man kann eine solche Art von Lebensforschung, wie ich sie betreibe, kaum beschleunigen oder – umgekehrt – bremsen. Entweder es passiert etwas, was mich zur Reflexion oder zum Nachdenken bewegt, oder es passiert nichts. Und dann wird auch nichts geschrieben. Das schlimmste was einem Geschichtensammler passieren kann ist, dass er anfängt, sich seine Geschichten aus der Nase zu ziehen.

Wird es also jemals ein Buch von Ihnen geben, in dem es nicht um Ihre Frau, Ihre Kinder, Ihre Eltern und die Leute, die sie umgeben geht, sondern in dem Sie eine fiktive Geschichte erzählen?

Kaminer Woher soll die Fiktion kommen? Fiktion ist ein absurder Begriff. Es gibt keine Fiktion. Die Ideenwelt aus der alle Autoren schöpfen, ist dieser Planet. Kein Schriftsteller war auf dem Mars. Fiktion heißt, dass man angibt sich etwas auszudenken, doch in Wirklichkeit guckt die Fratze des Autors hinter jeder Zeile hervor. Phantasien bestehen aus Realität und nicht aus Fiktion.

Wie lässt sich Ihre Arbeitsweise am ehesten beschreiben?

Ich fühle mich wie ein Koffer. Ich werde hin und her gereicht, vollgestopft mit irgendwelchen Geschichten. Die trage ich dann eine Weile und dann packe ich sie wieder aus. Ich werde im Grunde immer ein- und ausgepackt.

Ist es denn ein aufgeräumter Koffer?

Ja, es wird alles sehr ordentlich zueinander gelegt. Es ist ein gut gepackter Koffer. Aber früher, als ich noch jung war und wenig Geschichten hatte, als mein Koffer so halb leer war und alle Sachen immer hin und her rutschten, da war es ein bisschen chaotisch.

Sie lesen in fast 150 Städten pro Jahr, reisen mehr als die meisten ihrer Zunft. Was sind ihre Beweggründe?

Die Lesungen sind mein Job. Natürlich sind die Bücher sehr wichtig, weil dort geschrieben steht, was ich in all diesen Städten erzähle. Doch sie sind eher eine Nebenerscheinung. Meine Triebkraft ist Neugier. Ich muss die Geschichten sammeln, dazu brauche ich neue Eindrücke und neue Menschen.

Sie lesen nicht nur in großen Städten, sondern sind auch in der Provinz unterwegs. Auf Ihrem Lesetour-Plan liest man Namen wie Enningerloh oder die Grundschule Neubiberg. Was zieht den Stadtmenschen Kaminer immer wieder in ländliche Gefilde?

Sehr oft erweisen sich gerade große Städte als sehr provinziell. Kleine Städte hingegen zeigen häufig ein sehr eigenständiges Leben. Nicht alles was klein ist, ist gleich provinziell und nicht alles ist tatsächlich so groß wie es scheint. Ich hatte erst letzte Woche in Düsseldorf ein großes Problem nach 15 Uhr zu essen. Düsseldorfer essen nicht nach 15 Uhr.

Ist Darmstadt Provinz?

Ich habe von Darmstadt bisher zu wenig gesehen. Wir versinken dort ständig in diesem Club – dieser Centralstation. Das ist an sich schon fast wie eine Stadt. Da verliere ich mich immer zwischen diesen ganzen Bars und Räumlichkeiten.

Was wird besonders sein, wenn sie am 14. November in Darmstadt in der Centralstation sind?

Es wird eine Release-Party für unsere neue Platte »Ukraine do Amerika«. Die Platte ist unsere Antwort auf die Finanzkrise. Ganz viel neue Musik und viele Geschichten über den Kaukasus, weil wir dort bei der Schwiegermutter Urlaub gemacht haben.

Warum heißt die Platte »Ukraine do Amerika«?

Kaminer Deutschland ist kulturell ein sehr amerikanisiertes Land, fast schon ein Teil von Amerika. Deutschland wurde von Amerika sozialisiert. Inzwischen sehen wir, dass andere Länder, zum Bei­spiel die Ukraine, kulturell viel besser zu Deutschland passen. Die Ukrainer sind von der Mentalität her auch eher ordentlich deutsch drauf, aber sie haben viel lustigere Musik. Mit dieser Musik ha­ben wir vor, die ganze Centralstation platt zu klopfen.

Wladimir Kaminer über…

…Bier

Bier hat mich stark beeindruckt, als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam. Es gab hunderte Sorten in hunderten bunten Flaschen. Ich dachte dabei an Vielfalt. Heute denke ich dabei eher an Einfalt, weil ich weiß, dass in all diesen Flaschen im Grunde dasselbe Getränk ist. Durch das Reinheitsgebot schmeckt auch alles sehr ähnlich. Bier ist kapitalistischer Beschiss, etwas das vorgibt eine Freiheit zu sein. Doch die Wirklichkeit ist: Überall wo Bier drauf steht, ist auch nur Bier drin.

…Wodka

Wodka ist bei minus zwanzig Grad ein Erfrischungsgetränk. Man darf ihn natürlich nicht so trinken wie die Deutschen es machen. Die trinken Wodka warm und im Stehen. Sie kennen keine Trinksprüche und essen nichts dazu. Auf diese Weise werden sie zu schnell betrunken und fallen immer dann um, wenn es am interessantesten wird.
Die Russen haben da eine andere Einstellung.Man trinkt es aus kleinen Gläsern. Man muss das unbedingt auf Ex trinken und nicht auf Eis. Zum Wodka trinken braucht man eine gute Gesellschaft. Man braucht viel unterschiedliches Essen. Man braucht Geschichten, die man einander erzählt, man darf nicht einfach so trinken, man muss immer einen Toast aussprechen. Einen Toast, der die Menschen am Tisch vereint.

…Rotwein

Ich kenne sehr viele Literaten die von Rotwein irre geworden sind und nur noch Mist geschrieben haben. Für meine Landsleute wünsche ich mir einen Image-Wechsel: Sie sollen nicht mehr als Wodka-Russen anerkannt werden, sondern als Rotwein-Russen. Es gibt übrigens russischen Rotwein. In Georgien. Doch jetzt gibt es das Embargo mit Georgien und die Russen trinken eben chilenischen Rotwein.


Wladimir Kaminer
wurde 1967 in Moskau geboren. 1990 kam er ins frisch wieder vereinte Berlin. Er fand eine neue Heimat voller Geschichten. Festgehalten hat er seine scharfen Beobachtungen des Alltäglichen in zwölf Büchern. Sein Debut-Roman »Russendisko« und »Militärmusik« machten den Autor, DJ und Journalisten weit über die Landesgrenzen bekannt. Heute ist Kaminer einer der gefragtesten Russen Deutschlands; so gefragt, dass er auf seiner Website freundlich, aber entschieden, darauf hinweist: »Studenten, Wissenschaftler, Aspiranten und Journalisten, die ihre Diplomarbeiten, Reportagen und Referate zu den Themen »Russen in Deutschland« »Russische Emigration heute und früher« »Deutsche in Russland« »Nichtdeutsche Deutsche in Deutschland und anderswo« schreiben, werden hier nicht bedient. Richten sie ihre Fragen an die Zentrale für politische Bildung, Abteilung Multikulti.«

Haste mal 50.000 Euro?

WG for sale! Sechs Darmstädter Studenten leben schon, aber wohnen vielleicht nicht mehr lange. Als ihnen der Vermieter verkündete, er werde das Reihenhaus verkaufen, war das Entsetzen groß. Doch die Wohngemeinschaft in der Dieburger Straße will kämpfen: Sie gründeten den Verein „23G“ und beschlossen, ihr Zuhause im Komponistenviertel zu kaufen. Dafür brauchen sie bis September 50.000 Euro.

„Gestern waren hier widerliche Leute!“ schimpft die kleine alte Dame im Wohnzimmer der sechs Studenten. Widerlich – das sind für Frau Warnebold alle Leute, die der Vermieter durch das Reihenhaus neben ihr führt: Potentielle Käufer. Mögliche neue Nachbarn. Hoffnungsvoll blickt sie zu Simon, Beto, Sascha, Thomas, Nico und Lisa: „Ihr sollt doch bleiben.“
Doch die Zukunft der Wohngemeinschaft ist ungewiss. Im vergangenen Jahr hatte der Besitzer angekündigt, er wolle das Reihenhaus in der Dieburger Straße verkaufen. Er brauche das Geld. Seine Entscheidung – ein Schock für alle Bewohner.

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Seit 2004 sind die 189 Quadratmeter in der Hand der Studenten. Bis heute verteilten sich 19 Bewohnerinnen und Bewohner auf die sieben Zimmer. Ist einer der WG-Veteranen zufällig gerade in der Nähe, kommt er vorbei: Die WG ist der Heimathafen in Darmstadt – ein Ort mit familiärer Atmosphäre, an dem viele Freundschaften entstanden. Der Entschluss der scheidenden Mieter war somit schnell gefasst: „Wir wollen das Ding erhalten!“

Die erste Idee, das Haus zu kaufen und die Zimmer zu vermieten, wurde verworfen. „Zu teuer, zu kapitalistisch“, sagt Thomas. Stattdessen wurde im März ein gemeinnütziger Verein gegründet: 23G. Er hat zum Ziel, autonome Wohngemeinschaften für junge Menschen, Studenten und Auszubildende zu schaffen und zu erhalten. Allen voran ihre eigene.

350.000 Euro hat der Besitzer als Kaufpreis veranschlagt. Mit 50.000 Euro Startkapital aus Spenden, von Sponsoren und eigenen Aktionen wären die zu stemmen. Die Bewohner haben ein Finanzierungskonzept bei einer Bank vorgelegt: Abzüglich der 50.000 Euro Eigenkapital verbleiben 300.000 Euro, die durch die monatliche Miete refinanziert werden.
„Viele werfen uns vor, wir wollten mit dem Verein einfach unser Dach über dem Kopf retten, aber es geht um mehr“, sagt Thomas. Sie hätten sich auch ein neues Haus suchen können; das wäre einfacher gewesen. Der Verein soll später in eine Stiftung umgewandelt werden, um die Existenz der Wohngemeinschaft langfristig zu sichern und bundesweit ähnliche Projekte zu unterstützen. „Jeder soll die Chance haben, das hier zu erleben“, erklärt Nico die Beweggründe.

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Sperrmüll statt Baumarkt

„Das hier“, das ist der spürbare Unterschied zwischen Zusammenwohnen und Zusammenleben. Die sieben Studenten und Absolventen führen einen gemeinsamen Haushalt ohne separierte Kühlschrank-Fächer und beschriftete Joghurt-Becher. Ärger gibt es in der WG-Familie nur, wenn jemand unnötig Geld ausgibt. Sperrmüll statt Baumarkt lautet die Devise in der Dieburger Straße. Im ganzen Haus hat die WG ihren Ideenreichtum unter Beweis gestellt: Den Lampenschirm im Wohnzimmer hält ein ausgedienter Auspuff. Die Terrasse erhielt eine „Extension“ aus Holz-Paletten und wurde mit einer 1000-Liter-Regentonne – dem Pool – und dem Grill-Giganten gepimpt.
Und auch beim Feiern sind die Jungs und Mädels aus dem Reihenhaus kreativ. Jedes Jahr veranstaltet die WG eine große Party. Immer mit Motto, immer rund um den 23. Juli. Das Datum ist kein Zufall: W und G sind die Buchstaben dreiundzwanzig und sieben im Alphabet. Thomas erzählt von den Highlights der vergangenen Jahre. Von der 24-stündigen „Barty“, bei der die Gäste aus dem Mobiliar der WG eine große Bar zimmerten, um daran mit 150 Leuten bis in den Mor­gen durchzuzechen. Oder von der „Komm’ bunt – geh’ einfarbig“-Fete, die nach wilden Tauschaktionen niemand in der eigenen Robe verließ.
Trotz dieser wilden Partys – Probleme mit der Nachbarschaft gab es nie. Gleich nach ihrem Einzug veranstaltete die WG einen Tag der offenen Tür und schaffte es, das berühmte Eis zu brechen. Seitdem pflege man in der Reihenhaussiedlung ein freundschaftliches Verhältnis, sagt Thomas und berichtet von Nachbarinnen wie Frau Warnebold, die ihnen Wein und Essen vorbeibringen, wenn die Jungs mal wieder den Hofdienst übernommen haben. „Auch die Nachbarn wollen, dass wir bleiben“, betont Nico.

Die Uhr tickt

Bis September hat die 23G, die eigentlich in 126A wohnt, Zeit, die 50.000 Euro zu beschaffen. Dann endet die Galgenfrist des Vermieters. Sollte die Mission scheitern, wird der Verein aufgelöst und das bisher gesammelte Geld für einen guten Zweck gespendet.
Noch will im Komponistenviertel aber niemand das Lied vom Scheitern anstimmen. Beim Darmstädter Nachtflohmarkt konnten unlängst die ersten Einnahmen für das Projekt „Zuhause in Darmstadt“ verbucht werden.
„Die ersten 5.000 Euro sind die schwersten“, sagt Thomas. Er glaubt, große Sponsoren von den Rettungs-Plänen der WG begeistern zu können. Erste Kontakte zur Stadt Darmstadt, einem Finanzmakler und der Darmstädter Firma Merck wurden bereits geknüpft. Es besteht also Hoffnung für Simon, Beto, Sascha, Thomas, Nico, Lisa – und Frau Warnebold.

„Echte Schöpfer spielen Lego, Playmobil ist für stupide Stecker!“

Wii oder Playstation 3? Game Boy Advance oder Nintendo DS? In unseren Kinderzimmern galt es damals nur eine Entscheidung zu treffen: LEGO oder Playmobil? Wer beides spielte, hört heute „eigentlich alles“. Mit fünf Jahren bekam ich den ersten LEGO-Bausatz und die kleinen Steinchen wurden zum Star meiner Kindheit. Ich baute Burgen, Städte, Schiffe. Schuf Häuser, Planeten, fremde Welten. Ich zählte Noppen, machte Pläne. Durchwühlte Stunde um Stunde die LEGO-Ber­ge auf der Suche nach dem entscheidenden Teil. Ich setzte heimlich die letzten Steine, als meine Mutter schon das Licht ausgemacht hatte. Heute entdecken auch Unternehmen die schöpferische Kraft der bunten Steine: In Kursen konstruieren die Teilnehmer Landschaften und Modelle aus LEGO, erzählen Geschichten und spielen verschiedene Szenarien durch. Sie sollen „durch ihre Finger denken“. Das Bauen wirkt als Katalysator bei der Lösung schwieriger Probleme und Situationen. Schade, dass zeitgleich das Kinderspielzeug LEGO seinen Charme verliert: Während die Frau Mama ein Tütensüppchen zaubert, steckt der Sohnemann die drei verbliebenen Teile der großen Ritterburg zusammen. Will man Kinder für dumm verkaufen, kann man sie auch Playmobil spielen lassen.

Stand-Up Poetry

Poetry Slam boomt. Zu den Slams im Rhein-Main-Gebiet kommen regelmäßig hunderte Besucher und auch das Fernsehen hat die Dichterschlachten längst als gehaltvolle Alternative zu schwächelnden Comedy-Formaten für sich entdeckt. Schleifen TV-Sendungen und steigende Publikumszahlen der rauen Kunstform die Kanten ab? Wir sprachen mit Kennern und Ku?nstlern u?ber eine Szene im Umbruch.

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Bis auf die Straße drängen sich die Menschen. Die Schlange vor dem KUZ in Mainz wird lang und länger, denn die Karten für den fünften Mainzer Poetry Slam sind heiß begehrt. Das Kulturzentrum wird an diesem Abend bis auf den letzten Platz besetzt sein. Seit dem ersten Dichterwettstreit im Dezember 2007 hat sich die Veranstaltung mit über 350 Besuchern zum größten monatlichen Slam der Region entwickelt.

Ein Boom im Verborgenen

Poetry Slam boomt – nicht nur in Mainz sondern in ganz Deutschland. Jedoch es ist ein sonderbarer Boom. Ein Boom im Verborgenen, irgendwo am Rande der Gesellschaft, abseits des medialen Fokus. „Poetry Slam führt ein Nischen-Dasein wie eine Unterkategorie von Indipendant-Musik“, versucht Boris Preckwitz das Phänomen zu erklären. Für die einen ist es das nächste große Ding – anderen ist Poetry Slam noch gänzlich unbekannt. Preckwitz ist ein Slammer der ersten Stunde und ein entscheidender Wegbereiter der deutschsprachigen Szene.

Er war dabei, als das Format Poetry Slam Ende der Neunziger aus den USA importiert wurde. 1986 hatte dort der Bauarbeiter Marc Kelly Smith in einem kleinen Club in Chicago den ersten Slam veranstaltet. Rock und Punk waren die Wurzeln der Bewegung und auf den Bühnen standen politische Minoritäten. Bei den Slams flogen Stühle, nicht selten gab es statt ausbleibendem Applaus und schlechter Wertungen gebrochene Nasen und wilde Schlägereien.

Heute fliegen zwar keine Stühle mehr, doch Poetry Slams ist noch immer rebellischer, experimenteller, überraschender als jedes etablierte Kleinkunstformat, als jede lauwarme Comedy-Show im Fernsehen. Auf einen urkomischen Vortrag über die eigene Großmutter mit Beatbox und Rap-Einlagen folgt ein verschrobenes Gedicht über den Sinn des Lebens; einem verkrampft vorgelesenen Text mit flachen pubertären Witzchen, grandiose Wortspielereien, die man der eigenen Muttersprache kaum zugetraut hätte. Lyrik, Kurzprosa, gereimt oder ungereimt – kein Abend gleicht dem anderen und das spricht sich herum: In Zeiten von You-Tube ist Mund-zu-Mund-Propaganda einer der Hauptgründe für die rasante Entwicklung der Slam-Kultur. Wer einmal dabei war, kommt wieder und bringt beim nächsten Mal gleich seine Kumpels mit. Die Verbindung zwischen Slammern und Publikum fasziniert. Direkt und gnadenlos ehrlich können die Zuschauer zeigen, wie der vorgetragene Text bei ihnen ankommt.
Poetry Slams sind die Lesungen für die Casting- Generation. Umjubelt werden vor allem humorvolle Texte. Platte Comedy setze sich immer häufiger gegen hochwertige, ernstahfte Lysrik oder Prosa durch, beobachtet Dr. Alexander Deppert alias Alex Dreppec. Er veranstaltet neben der berühmten Darmstädter Dichterschlacht, die über 1000 Besucher anlockt, auch mehrere kleine Slams in der Wissenschaftsstadt. „Ich habe das schon erlebt. Da möchte man weinen.“

Der 18-jährige Slammer Tilman Döring aus Darmstadt fordert, Witz müsse mit einer guten und interessanten Sprache verbunden werden, denn: „Lustige Texte sind wichtig und gehören zum Poetry Slam dazu.“ Jedoch: Selbst bei Texten, die als ernst angekündigt werden, wartet der Saal inzwischen minutenlang auf einen Gag. Bleibt dieser aus, vernimmt man nichts als irritiertes Schweigen. „Das Publikum will bis zum Erbrechen lachen,“ bedauert der Darmstädter.

Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege

Liegt es also an den Zuschauern, dass man manch einen Slam nicht mehr von einer Kabarettshow unterscheiden kann? Die Antwort wäre zu einfach: Das Format lässt es zu, dem Volk nach dem Mund zu schreiben.
Um dem entgegenzuwirken und nicht auf jeden Comedy-Mist reinzufallen müssten die Zuhörer ein kritisches Ohr entwickeln, sagt Boris Preckwitz. Doch häufig fallen sie rein. „Publikumsorientiertes Texten ist verlockend,“ gesteht Tilman Döring – auch er sei bereits ein zweimal unterlegen. Mit lautem Klatschen im Kopf, lässt sich nur schwer gegen den Strom schreiben. Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege. Siege bringen Bekanntheit. Bekanntheit bringt einen Slammer ins Fernsehen. Seit Februar 2007 zeigt der WDR am späten Sonntagabend den WDR Poetry Slam. Auch Alex Dreppec und Tilman Döring waren schon dabei. Im April diesen Jahres folgte die Sendung „Slam Palast“ – bezeichnenderweise auf dem Digital-Sender Sat 1 Comedy. „Nach der ‚Slam Tour mit Kuttner‘ zeigen wir ein weiteres Format im angesagten Genre Poetry-Comedy“, warb der Sender in einer Presseerklärung. Poetry-Comedy? Gibt es u?berhaupt noch einen Unterschied zwischen Poetry Slam und Stand-Up-Comedy?

„Selbst der lustigste Slam-Text hat noch einen Inhalt und genügt einem literarischen Mindestanspruch“, behauptet Sebastian Rabsahl, besser bekannt als Sebastian 23. Seine eigenen Texte seien zu 75 Prozent lustig, der Rest sei ernst.

Boris Preckwitz sieht den Schenkelklopfer-Trend kritischer. Der ehemalige Slammer, der sich inzwischen weitestgehend aus der Szene zurückgezogen hat, fürchtet um Kunst und Kultur: „Die Lacher werden zunehmend wichtiger als die Irritation.“ In der Tat wirkt die einstmals so anarchistische, wilde Kunst, die als Plattform diente, um soziale Ungerechtigkeiten und politische Missstände anzuprangern, heute wie das Magazin Neon in Versform. Probleme zwischen Frauen und Männern, Computer und Fäkalien sind die Themen, die junge Menschen zum Grölen bringen.
„Die Szenekultur wird zu Popkultur“, analysiert Preckwitz. Slams, bei denen man ohne Anmeldung seine Texte vortragen kann, sind zur Seltenheit geworden. Der Slam „13 Darmstädter Dichter“, den Alexander Deppert neben der großen Dichterschlacht ins Leben gerufen hat, um Poetry-Slam-Einsteigern in und um Darmstadt eine Bu?hne zu bieten, ist eine Ausnahme. Die ursprüngliche Kultur des offenen Mikrofons steht im Kontrast zur heutigen Professionalisierung des Poetry Slams.

Vom Untergrund zum Kassenschlager?

Wird die Untergrundkunst Poetry Slam zum kommerziellen Kassenschlager? Sebastian Rabsahl widerspricht: „Der Begriff „kommerziell“ wird gerne gebraucht, um kulturelle Strämungen, mit denen Geld verdient wird, zu brandmarken. Damit habe ich Schwierigkeiten. Natürlich ist es der Wunsch jedes Künstlers, von seiner Kunst zu leben. Und der Wunsch des Bäckers ist es, von seinem Brot zu leben. Dazu muss man es verkaufen. „L’art pour l’art“ – das halte ich für abwegigen Idealismus.“
Sebastian 23 gehört dem Lesezirkel von Poeten an, das quer durch die Republik von Slam zu Slam reist. „Zwischen gelebtem Traum und Besessenheit“ steht er fast jeden Abend als Solo-Slammer oder mit seiner Gruppe SMAAT, dem Gewinnerteam der deutschsprachigen Poetry-Meisterschaften 2007, auf der Bühne. Inzwischen können Slammer wie er tatsächlich mit Poetry ihre Brötchen  verdienen. Doch den wenigsten gelingt das. Um die besten Slammer in seine Poetry Slam Show zu locken, zahlt der WDR bis zu 300 Euro – bei normalen Slams bekommen die Poeten in der Regel höchstens die Fahrtkosten erstattet. „Auf den Slammer in Goldketten und Ferrari warte ich immer noch“, witzelt Rabsahl. Die meisten Slammer werden wohl auch künftig ihren Broterwerb mit einem anderen Handwerk bestreiten müssen.

Doch auch ohne Goldketten und Ferrari – der Ruhm verändert den Charakter des Poetry Slams. Sollte er eines Tages tatsächlich zur Popkultur geworden sein, unterliegt er auch ihren Regeln: Ein Rohdiamant wird nach oben gespült, bis er zum weichen Handschmeichler wird. Und wenn ihn dann alle mal gestreichelt haben, fällt er schneller als ein Kieselstein.

Der Darmdollar

Alle reden immer nur davon, dass sie zu wenig Geld haben, aber keiner tut was dagegen. Tobi und ich hatten keine Lust mehr immer über das arme und triste Studentendasein zu klagen. Wir nahmen unser Glück selbst in die Hand und bastelten uns kurzentschlossen unser eigenes Geld. Fein säuberlich zugeschnitten und gestapelt. So konnten wir nach Herzenslust mit den bunten Scheinchen um uns werfen und uns mit ihnen die eine oder andere Zigarette anstecken.

Die Scheinchen allerdings sind eigentlich nicht für uns bestimmt. Die dritte Ausgabe des Darmspiegels steht seit Sonntag zum Download bereit. Der Titel dieser Ausgabe lautet „Wir armen Bonzen“ und als Flyer dienen unsere schönen Spielgeldscheine – der Darmdollar.

Also wird es leider vorerst nur beim anstecken von Zigaretten bleiben. Das dürfen wir aber auch nicht übertreiben, sonst haben wir am Ende keine Flyer mehr.

Der Zauber von Bucovina

„Das ist keine Kompromissveranstaltung. Entweder du liebst es, oder du flüchtest“, sagt Shantel über das Phänomen Bucovina Club. Vor nunmehr fünf Jahren veröffentlichte der Frankfurter DJ, Produzent und Musiker Stefan Hantel, inspiriert von der Reise in die Bukowina, die Heimat seinerGroßeltern, die Compilation Bucovina Club. Es ist ein energetischer Stil-mix zwischen Ost und West, Tradition und Moderne. Balkan-Pop trifft auf jiddischen Klezmer, Roma-Blaskapellen auf türkische Volksmusik, Folkloreauf Elektronik. Von Frankfurt aus erobert die dazugehörige Veranstaltungsreihe BucovinaClub Kontinentaleuropa – ohne dabei über den Status des Geheimtipps hinaus zu kommen. Am 16. Mai wird Shantel der enthemmt tanzenden Masse in der Centralstation vom DJ-Pult zurufen: „Darmstadt, ihr seid der Bauch-nabel Europas! Die kosmopolitische Schnittstelle zwischen Orient und Okzident!“ – und wenn man nicht geflüchtet ist, wird man ihn verstehen, den Zauber von Bucovina.

Bucovina

Du hast dich in letzter Zeit ziemlich rar gemacht im Rhein-Main-Gebiet und bist durch ganz Europa getourt. Der Bucovina Club wird immer populärer. Ist Shantel noch Partisane oder schon Popstar?

Weder noch. In der eigenen Stadt ist es einfach, auf den Misthaufen zu krabbeln und laut zu krähen. Ähnliche Erfolge im Ausland zu erfahren ist die größere Herausforderung. Ich habe in Frankfurt angefangen und dann die Kreise immer weiter gezogen. Jetzt gehe ich Angeboten nach, egal aus welchem Winkel der Erde sie kommen.

Momentan sind das noch überwiegend Winkel in Europa. Planst du den Bucovina Club auch nach Südamerika, in die USA oder nach Asien zu exportieren?

Im März hatte ich eine Einladung nach Japan, die ich aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Auftritte in Amerika oder Südamerika sind ein logistisches und ökonomisches Problem, weil sie höhere Kosten verursachen. Zudem ist Nordamerika im kulturellen Kontext betrachtet eine Art Entwicklungsland. Es ist bezeichnend, dass viele US-amerikanischen Pop- oder Rockkünstler in ihrem eigenen Land keinen Fuß vor die Tür bekommen und ihre Erfolge hier in Kontinentaleuropa feiern.

Aber auch hier war es nicht einfach, die Menschen für den Bucovina Club zu begeistern.

Nein, es war überhaupt nicht einfach. Ganz im Gegenteil. Ich habe zu Beginn den strengen Wind des Unverständnisses und der Entrüstung gespürt. Die meisten Menschen, Plattenlabel oder Musikvertriebe konnten damit überhaupt nichts anfangen und haben mich für verrückt erklärt.

Gab es nach diesen anfänglichen Schwierigkeiten einen Punkt, an dem du plötzlich gespürt hast: Man, jetzt geht aber die Post ab?

Die Dynamik war schon am ersten Abend da. Die Szene war zwar kleiner, doch es war ein positives, berauschendes Erlebnis, bei dem unglaublich viel freigesetzt wurde: Energie, Hedonismus und Überraschung.

Diese Energie im Bucovina Club ist eine ganz besondere. Menschen ohne jegliche Affinität zum Tanzen fangen plötzlich an, sich wild zu bewegen. Wie schaffst du es, ihnen mit deiner Musik die Hemmungen zu nehmen?

Der Bucovina Club lebt von einem Zauber. Von einer Magie, die man nicht ganz entschlüsseln kann. Auch für mich ist es immer wieder eine Überraschung, zu beobachten wie viel möglich ist. Musik kann sehr viel bewegen und auslösen. Sie ist im positiven Sinne ein Mittel, gewisse Reglements und Beschränkungen für ein paar Stunden aus den Angeln zu heben.

Du bringst den Menschen hier die Kultur Osteuropas näher. Wie wird deine Musik in Osteuropa selbst aufgenommen?

Das musikalische Empfinden ist im Osten nicht anders als bei uns. Die Vorstellung, dass in Osteuropa an jeder Ecke irgendwelche wilden Gypsy-Partys und Hochzeiten stattfinden, ist ein totaler Quatsch – ein Klischee, das man aus Filmen von Kusturica kennt, aber nicht die Realität. Die Massenmedien servieren den Leuten einen westlich orientierten Unterhaltungspop. Meine Musik ist im Osten genau so exotisch wie hier. Beim Bucovina Club spielt es keine Rolle, ob du Deutscher oder Österreicher bist oder Serbe, Grieche, Rumäne oder Türke.

Die Bukowina, eine historische Landschaft zwischen Rumänien und der Ukraine, inspirierte dich zum Konzept des Bucovina Clubs. Es war die Heimat deiner Großeltern mütterlicherseits. Sie lebten vor ihrer Vertreibung in Czernowitz, wo es zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie ein gleichberechtigtes Zusammenleben verschiedener Kulturkreise gab. Ukrainer, Polen, Rumänen, Ruthenen, Juden, Roma und Deutsche…

…das war für mich immer ein magischer Ort! Schon in meiner Kindheit habe ich viel über diese Stadt gelesen und gehört. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Gegend von der Sowjetunion annektiert und es war schwierig, dorthin zu reisen. Nach dem Fall der Mauer habe ich mir Czernowitz angeguckt. Zunächst als Tourist ohne besondere Mission oder konkrete Idee. Ich wollte einfach den Geruch, den ich im Kopf hatte, mit plastischen Bildern ergänzen. Das war eine spannende Erfahrung, aber ich habe schnell festgestellt, dass die Ideale und Visionen, die diese Stadt in der Vergangenheit verkörperte, heute nicht mehr existieren.

Viele bringen deinen Namen mit den Filmen von Fatih Ak?n in Verbindung. Für „Auf der anderen Seite“ hast du den Soundtrack zusammengestellt und hattest sogar einen kurzen Gastauftritt im Film. Wie entsteht so ein Soundtrack?

Es war eigentlich unspektakulär. Fatih hat mich eines Tages angerufen und mich gefragt, ob ich den Soundtrack machen möchte. Ich war überrascht, habe ihm gesagt, dass ich so etwas noch nie gemacht habe und ihn gefragt, ob er sich sicher ist mit seiner Wahl. Filmmusik zu machen, ist etwas ganz anderes als ein Projekt wie Disko Partizani. Filmmusik ist eine sehr emotionale und atmosphärische Angelegenheit. Ich habe zugesagt, zuerst das Drehbuch gelesen und dann direkt die Musik gemacht – da wurde der Film noch gar nicht produziert. Es war eine Aufgabe, die ich als Bereicherung betrachte. Man sollte sich immer mit einem Bein aufs Glatteis bewegen und viele neue Herausforderungen und Möglichkeiten austesten.

Eine neue Herausforderung wartet im Sommer auf dich. Du bist auf vielen Festivals und die Leute kommen nicht explizit zu dir – Du kommst zu den Leuten…

Rockfestivals sind einerseits ein Haifischbecken, Massenveranstaltungen mit wenig Platz für Details. Andererseits erreicht man auf diesem Weg wahnsinnig viele Menschen. Ein Format wie Disko Partizani läuft nicht im öffentlich-rechtlichen Radio oder Fernsehen. Es ist selbstverständlich, einen Country-Song oder irgendeine Ami-Pop-Schnulze zu hören, nicht aber ein türkisches Lied. Das ist krank. Wenn ich das Radio anmache, höre ich nur West, West, West. Es muss doch die Möglichkeit geben, dass Roots-Musik ähnlich wie Reggae, Dancehall oder Latin Pop zum kulturellen Selbstverständnis werden kann. Wenn ich einen Teil auf dem Weg zu diesem Selbstverständnis beitragen kann, wäre das großartig.

Du bist nicht nur DJ, sondern auch Musiker und Produzent – betreibst mit Essayrecordings dein eigenes Label. Was können wir als nächstes von dir erwarten?

Es wird sicherlich irgendwann eine dritte Folge der Bucovina-Club-Reihe geben. Wann das sein wird, weiß ich noch nicht. Im Moment ist der Weg, den ich mit Disko Partizani eingeschlagen habe, die größere Herausforderung. Ich habe viele Ideen im Kopf, so dass es auf jeden Fall ein zweites Album geben wird.

Shantel über…

… Frankfurt

Frankfurt ist eine wunderbare Stadt, weil das, was man hier nicht hat – und das ist eine Menge – sich wunderbar erfinden kann. Der Bucovina Club ist auch so eine Erfindung gewesen. Man denkt, die neusten Trends müssen in London, Paris oder Berlin kreiert werden. Das ist aber Quatsch. Man kann das auch in einer unaufgeregten, etwas provinzielleren Stadt wie Frankfurt machen.

… Istanbul

Istanbul ist ein Schmelztiegel, in dem Geschichte, Tradition und Moderne hart aufeinander treffen. Es ist ein Kontrast-Ort. Man braucht Jahre, um diese Stadt zu verstehen und kennen zu lernen.

… Berlin

Berlin ist ein Durchlauferhitzer. Ich finde die Stadt nicht annähernd so elektrisierend und erquickend, wie sie in den Medien dargestellt wird. Da sind andere Plätze spannender. Das kann auch ein Provinzkaff sein, irgendwo in Ober-Österreich.

… Darmstadt

Der Fakt, dass ich hier seit einigen Jahren mit einer guten Entwicklung den Bucovina-Club in der Centralstation veranstalte, spricht für die Stadt. Man muss das Glück nicht unbedingt in der Ferne oder in der Metropole suchen. Man kann es auch in Darmstadt finden. Heißt ja nicht, dass man dort beerdigt werden möchte.

Stefan Hantel alias Shantel wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren. Nach einem Grafikdesign-Studium in Pariskehrte er 1991 nach Frankfurt zurück und eröffneteeinen Club. 1994 gründete er das Label Essayrecordings. Nach der Reise nach Czernowitz in der Bukowina erfand Shantel 2001 seinen weltoffenen elektronischen Stil neu und kreierte das Format Bucovina Club. 2006 wurde ihm dafür der BBC World Music Award zugesprochen, der neben dem Grammy eine der wichtigsten Auszeichnungen ist, die im internationalen Musikbusiness vergeben werden.