Nachts in Darmstadt, Darmstadt bei Nacht – wie man es dreht und wendet, es scheint nichts los zu sein, in dieser Stadt. Oder vielleicht, doch? Da, um die Ecke? Eine Bestandsaufnahme Darmstädter Nächtlinge. Dass das nur die halbe Wahrheit ist, steht ab Juli zu lesen. Hier. Und im Handel.
In Co-Produktion mit Johanna Emge.
Mit drei Jahren kommt Zadef von Afghanistan nach Deutschland. An ihre Kindheit dort kann sie sich nicht mehr erinnern. Ob Zadef sich nach dreizehn Jahren deutsch oder afghanisch fühlt? Weder-weder.
in Co-Produktion mit Dunja Sadaqi

Der Grund unser aller Stille hier hat gleich mehrere Ursachen. So lange haben wir nichts mehr von uns hören lassen, dass ein ganzes Magazin, ein über 200 Seiten starkes Buch und ein zwei Umzüge in diese stille Zeitspanne passen.
Das Studentenmagazin darmspiegel fand im April 2009 seine Jubiläums- und zugleich auch letzte Ausgabe – nach zuletzt sogar fünf erfolgreichen Printausgaben. Es war die Routine, die uns dazu motiviert hat, dieses erste und niemals bereute Sprungbrett weiterzudenken.
Am selben Tag, an dem wir das Projekt darmspiegel ad acta legten, beförderten wir eine ganze Fülle an neuen Themen aus den Tiefen unserer Ideen ans Tageslicht. Und knippsten das Licht zugleich aus. Zunächst an eine Sonderausgabe zur Nacht in Darmstadt gedacht, merkten wir recht bald, dass „nachts in darmstadt“ mehr ist. Es könnte die Seiten eines ganzen Buches füllen, ja es musste!
„nachts in darmstadt“ ist genau das geworden: 224 Seiten, UV-Lack und Prägung, mit wunderschönen Reportagen, Fotostrecken, Lyrik, Portraits, Interviews und Illustrationen – ein „wahres Buchkunstwerk“, wie etwa die FAZ resümiert.
Natürlich, und das bleibt nicht aus, denn auch ich bin Gesellschafter unseres kleinen, aber feinen Verlages, kann man dieses Werk auch erwerben: Unter shop.darmspiegel.de ist das möglich, aber auch bei vielen freundlichen Buchhandlungen in und um Darmstadt.
Noch ein kurzes Wort zu dieser Seite. Nach zwei aufreibenden Projekten, zollen wir nun alle dem berufspraktischen Semester den vollen wohlverdienten Tribut und wagen einen weiteren Schritt in die harte Realität des Arbeitens (so unbekannt ist sie uns ja doch nicht).
Während es Caspar, musikberufen, zur Visions nach Dortmund zieht, verlagern Tobi und ich unsere journalistischen Kompetenzen für eine gewisse Zeit nach Berlin. Tobi hospitiert in der Online-Redaktion der ZEIT, ich für meinen Teil bin in der Gründerszene unterwegs. Diese Seite wird und soll künftig als kleine Portfolio-Werkschau dienen und nicht zuletzt uns drei zumindest online zusammenhalten.
Als die Darmstädter Kulturgesellschaft an diesem winterlichen Abend nach einer Galavorstellung das Theater verlässt, schaut sie auf etwas nie zuvor Gewesenes. Doch ist nicht besonders was – sondern dass sie sieht. Darmstadts Zentrum scheint lichtdurchflutet, so hell war es noch nie. Im „klarsten, fast tageshellen Licht“ erstrahlen Theater- und Paradeplatz, der Markt und die Rheinstraße. Am Portal des Theaters erglänzen „die grandiosen Namenszüge Ihrer Königlichen Hoheit des Großherzogs und der Großherzogin mit der Krone in prachtvollen Gasflammen“, schreibt das Darmstädter Tagblatt. Es ist der 14. März 1855. Bis dahin leuchteten Petroleumlampen über öffentlichen Plätzen, Brunnen und Straßen. Jetzt aber sind es 220 Gaslaternen – pünktlich zum Namenstag der Großherzogin Mathilde. Im 21. Jahrhundert ist das längst kein Grund zum Feiern mehr. Gut 15 000 Lampen erhellen heute die Nacht, von Wixhausen bis Eberstadt. Doch das Licht ist getrübt. Die wenigsten haben bisher erkannt, dass die Nacht schon lange nicht mehr Nacht ist. Diejenigen, die es bemerkt haben, sprechen längst von Lichtverschmutzung. Gemeint ist die Verunreinigung durch Licht, und nicht etwa des Lichtes selbst.
Total verstrahlt
An manchen Stellen ist Darmstadt so sehr erleuchtet, dass man nicht einmal mehr die Sterne erkennt. „Wer heute noch die Milchstraße sehen will, muss raus aus der Stadt“, sagt Gunnar Glitscher von der Arbeitsgemeinschaft Astronomie und Weltraumtechnik Darmstadt. Seit Ende der 60 er Jahre schaut Glitscher schon in den Nachthimmel. Die Situation in Großstädten war für Amateur-Astronomen wie ihn schon früher nicht sehr gut. Mit neu angelegten Baugebieten und der Ausleuchtung jedes noch so kleinen Weges wurde die Lage immer gravierender. Zum Sterneschauen gehen Glitscher und seine Vereinsfreunde bis weit vor die Tore der Stadt, auf den Wiesenparkplatz des Mühltalbads in Eberstadt. Vollkommene Dunkelheit herrscht aber selbst hier nicht: „Die Stadtbeleuchtung aus Darmstadt strahlt herüber“, sagt Glitscher. „Wenn man nach Norden schaut, ist der Himmel schrecklich hell. Im Süden, in Richtung Odenwald, ist es viel dunkler.“ Dabei ließe sich ein Großteil der falschen Beleuchtung verhindern. „Die meisten Straßenlampen strahlen auch seitlich und nach oben hin ab. Dort fängt sich das Licht in Partikeln der Atmosphäre und wird zur Erde zurück geschickt“, erklärt Glitscher. Fahrlässig seien jene Bodenleuchten, die vorzugsweise Bäume von unten anstrahlen – bei fehlendem Laub im Herbst und Winter schießt das Licht direkt in den Himmel.
Der weiße Tod
Doch nicht allein der Ausfallwinkel des Lichts ist das Problem. „Licht ist nicht gleich Licht“, weiß Sibylle Winkel, Biologin beim Naturschutzbund Hessen. Schon Mitte der 90er Jahre hat sie sich für eine umweltfreundliche Außenbeleuchtung eingesetzt. Ihr geht es vornehmlich um den Schutz nachtaktiver Insekten: „Es kommt auf den Spektralbereich an. Die Wahrnehmung von Insekten geht weit über die des Menschen hinaus, Insekten können auch lang- und kurzwelliges Licht sehr gut erkennen.“
Die größte Todesfalle: die Quecksilberdampfhochdrucklampe. Genauso monströs wie ihr Name ist auch ihre Auswirkung auf die Tiere. Im grellweißen Licht sterben laut einer Studie der Universität
Mainz in einer einzigen Sommernacht rund 150 Insekten – an nur einer Leuchte. Keine Lösung, aber eine Verbesserung, seien Natriumdampflampen. Mit ihrem typischen gelben Licht fordern sie über 60 Prozent weniger Opfer. Biologin Winkel hat den Einsatz der Natriumlampen in ihrer finanziell stets klammen Heimatstadt Offenbach noch mit einem anderen Argument durchgesetzt: „Nicht nur die Umweltschädlichkeit geht zurück – auch die Energieausbeute steigt.“
Quecksilbrige Stromfresser
„Wir haben schon mehr als die Hälfte der Lampen ausgetauscht, 3800Quecksilberlampen gibt es noch“, sagt Peter Funk, technischer Angestellter beim hiesigen Tiefbauamt. Funk und seine Kollegen sind sensibilisiert für das Thema Lichtverschmutzung und wissen: „Nicht jeder gestalterische Wille ist auch effizient.“ So würden Bodenstrahler sparsam eingesetzt und etwa im Herrngarten nur zu besonderen Anlässen wie dem Heinerfest eingeschaltet. Gesetzliche Vorgaben gibt es keine: „Das machen wir uns selbst zur Auflage.“ Die öffentliche Beleuchtung kostet die Stadt Darmstadt 17 Euro pro Jahr und Lampe an Strom- und Wartungskosten. Hochgerechnet sind das 255 000 Euro für die 15 000 Lampen im gesamten Stadtgebiet. Deutschlandweit macht die Beleuchtung von Straßen, Plätzen und Brücken zehn Prozent des gesamten Stromverbrauchs in der Republik aus.
Doch selbst Natriumdampflampen sind technisch bereits überholt. Die Zukunft wird in Arheilgen getestet. Dort hat der Fachbereich Lichttechnik der Technischen Universität die Grillparzerstraße mit verschiedenen LED-Lampen bestückt. Neben dem Energieverbrauch interessiert die Forscher auch das Ambiente der neuartigen Lampen.„Alle Probanden, vor allem aber ältere Personen, empfinden die LEDLampen als angenehmer“, sagt Diplomingenieur Christoph Schiller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich. Schon im Jahr 2012 solle die LED-Technik auf Deutschlands Straßen ankommen. Spätestens im Jahr 2015 müssen die Kommunen den Quecksilberlampen ohnehin abgesagt haben. So will es eine EU-Richtlinie.
Beamer in the Sky
Nicht betroffen von den Auflagen aus Brüssel sind jene Lichtgespenster, die man häufig auf Discos sieht: Skybeamer. Ihr Lichtkegel hat eine Reichweite von bis zu 40 Kilometern, vor allem für Zugvögel eine Gefahr. „Weil im Herbst das Licht der Skybeamer über ihnen an der Wolkendecke reflektiert, verlieren die Vögel ihre Orientierung“, sagt Biologin Winkel. Zur Jahrtausendwende erreichte sie ein freiwilliges Abkommen zwischen dem hessischen Umweltministerium und dem Gaststätten- und Hotelverband, die Skybeamer zumindest in den Hauptzeiten des Vogelzugs – Oktober und November – abzuschalten.
Einen weitaus rigoroseren Weg ging vor einigen Jahren der Darmstädter Raumfahrtingenieur und Amateurastronom Rainer Kresken. Er klagte gegen den Einsatz von Skybeamern vor Gericht: „Skybeamer sind Werbeanlagen – und da gibt es genaue Vorschriften“, sagt Kresken und erreichte so das Aus einer Scheinwerferanlage im Odenwald. Doch für Kresken ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein: „Innerhalb Darmstadts kann man kaum noch gescheite Beobachtungen machen.“ So habe er sich gar nicht erst den Astronomen auf der Ludwigshöhe zugewandt, sondern fahre für seine Beobachtungen zur Starkenburg-Sternwarte Heppenheim, deren Vorsitzender er mittlerweile ist.
Doch was tun?
Das Licht der gesamten Stadt abschalten? Schon einmal haben Darmstadts Bürger so ihrem Protest gegen die Beleuchtung Ausdruck verliehen: Im Februar 1928 führte die Darmstädter Geschäftswelt einen Lichtstreik durch und schaltete sämtliche nichtöffentliche Beleuchtung aus – damals aber gegen die unzulängliche Straßenbeleuchtung und für mehr Licht in Darmstadts Zentrum. Gunnar Glitscher würde das gerne wiederholen, allein um in der Bevölkerung ein Bewusstsein für das Zuviel an Licht zu schaffen. Er plant indes, eigens einen Verein zu gründen und im Rahmen von Nachtbegehungen auf schlechtes oder gar unnützes Licht aufmerksam zu machen: „Die Beleuchtung am Langen Ludwig ist ja romantisch – aber 80 Prozent gehen einfach in den Himmel. Das könnte man doch besser machen.“
Das Zucker in der Liebfrauenstraße 66 ist ein sympathisches Ladenprojekt. Mit gut designten Produkten hat sich es sich das Zucker zur Aufgabe gemacht, Darmstadt bunter und schöner zu machen. Das Zucker war Kooperationspartner von „nachts in darmstadt“. Das Video entstand im Rahmen des Videokurses im Sommersemester 09.
WG for sale! Sechs Darmstädter Studenten leben schon, aber wohnen vielleicht nicht mehr lange. Als ihnen der Vermieter verkündete, er werde das Reihenhaus verkaufen, war das Entsetzen groß. Doch die Wohngemeinschaft in der Dieburger Straße will kämpfen: Sie gründeten den Verein „23G“ und beschlossen, ihr Zuhause im Komponistenviertel zu kaufen. Dafür brauchen sie bis September 50.000 Euro.
„Gestern waren hier widerliche Leute!“ schimpft die kleine alte Dame im Wohnzimmer der sechs Studenten. Widerlich – das sind für Frau Warnebold alle Leute, die der Vermieter durch das Reihenhaus neben ihr führt: Potentielle Käufer. Mögliche neue Nachbarn. Hoffnungsvoll blickt sie zu Simon, Beto, Sascha, Thomas, Nico und Lisa: „Ihr sollt doch bleiben.“
Doch die Zukunft der Wohngemeinschaft ist ungewiss. Im vergangenen Jahr hatte der Besitzer angekündigt, er wolle das Reihenhaus in der Dieburger Straße verkaufen. Er brauche das Geld. Seine Entscheidung – ein Schock für alle Bewohner.
Seit 2004 sind die 189 Quadratmeter in der Hand der Studenten. Bis heute verteilten sich 19 Bewohnerinnen und Bewohner auf die sieben Zimmer. Ist einer der WG-Veteranen zufällig gerade in der Nähe, kommt er vorbei: Die WG ist der Heimathafen in Darmstadt – ein Ort mit familiärer Atmosphäre, an dem viele Freundschaften entstanden. Der Entschluss der scheidenden Mieter war somit schnell gefasst: „Wir wollen das Ding erhalten!“
Die erste Idee, das Haus zu kaufen und die Zimmer zu vermieten, wurde verworfen. „Zu teuer, zu kapitalistisch“, sagt Thomas. Stattdessen wurde im März ein gemeinnütziger Verein gegründet: 23G. Er hat zum Ziel, autonome Wohngemeinschaften für junge Menschen, Studenten und Auszubildende zu schaffen und zu erhalten. Allen voran ihre eigene.
350.000 Euro hat der Besitzer als Kaufpreis veranschlagt. Mit 50.000 Euro Startkapital aus Spenden, von Sponsoren und eigenen Aktionen wären die zu stemmen. Die Bewohner haben ein Finanzierungskonzept bei einer Bank vorgelegt: Abzüglich der 50.000 Euro Eigenkapital verbleiben 300.000 Euro, die durch die monatliche Miete refinanziert werden.
„Viele werfen uns vor, wir wollten mit dem Verein einfach unser Dach über dem Kopf retten, aber es geht um mehr“, sagt Thomas. Sie hätten sich auch ein neues Haus suchen können; das wäre einfacher gewesen. Der Verein soll später in eine Stiftung umgewandelt werden, um die Existenz der Wohngemeinschaft langfristig zu sichern und bundesweit ähnliche Projekte zu unterstützen. „Jeder soll die Chance haben, das hier zu erleben“, erklärt Nico die Beweggründe.
Sperrmüll statt Baumarkt
„Das hier“, das ist der spürbare Unterschied zwischen Zusammenwohnen und Zusammenleben. Die sieben Studenten und Absolventen führen einen gemeinsamen Haushalt ohne separierte Kühlschrank-Fächer und beschriftete Joghurt-Becher. Ärger gibt es in der WG-Familie nur, wenn jemand unnötig Geld ausgibt. Sperrmüll statt Baumarkt lautet die Devise in der Dieburger Straße. Im ganzen Haus hat die WG ihren Ideenreichtum unter Beweis gestellt: Den Lampenschirm im Wohnzimmer hält ein ausgedienter Auspuff. Die Terrasse erhielt eine „Extension“ aus Holz-Paletten und wurde mit einer 1000-Liter-Regentonne – dem Pool – und dem Grill-Giganten gepimpt.
Und auch beim Feiern sind die Jungs und Mädels aus dem Reihenhaus kreativ. Jedes Jahr veranstaltet die WG eine große Party. Immer mit Motto, immer rund um den 23. Juli. Das Datum ist kein Zufall: W und G sind die Buchstaben dreiundzwanzig und sieben im Alphabet. Thomas erzählt von den Highlights der vergangenen Jahre. Von der 24-stündigen „Barty“, bei der die Gäste aus dem Mobiliar der WG eine große Bar zimmerten, um daran mit 150 Leuten bis in den Morgen durchzuzechen. Oder von der „Komm’ bunt – geh’ einfarbig“-Fete, die nach wilden Tauschaktionen niemand in der eigenen Robe verließ.
Trotz dieser wilden Partys – Probleme mit der Nachbarschaft gab es nie. Gleich nach ihrem Einzug veranstaltete die WG einen Tag der offenen Tür und schaffte es, das berühmte Eis zu brechen. Seitdem pflege man in der Reihenhaussiedlung ein freundschaftliches Verhältnis, sagt Thomas und berichtet von Nachbarinnen wie Frau Warnebold, die ihnen Wein und Essen vorbeibringen, wenn die Jungs mal wieder den Hofdienst übernommen haben. „Auch die Nachbarn wollen, dass wir bleiben“, betont Nico.
Die Uhr tickt
Bis September hat die 23G, die eigentlich in 126A wohnt, Zeit, die 50.000 Euro zu beschaffen. Dann endet die Galgenfrist des Vermieters. Sollte die Mission scheitern, wird der Verein aufgelöst und das bisher gesammelte Geld für einen guten Zweck gespendet.
Noch will im Komponistenviertel aber niemand das Lied vom Scheitern anstimmen. Beim Darmstädter Nachtflohmarkt konnten unlängst die ersten Einnahmen für das Projekt „Zuhause in Darmstadt“ verbucht werden.
„Die ersten 5.000 Euro sind die schwersten“, sagt Thomas. Er glaubt, große Sponsoren von den Rettungs-Plänen der WG begeistern zu können. Erste Kontakte zur Stadt Darmstadt, einem Finanzmakler und der Darmstädter Firma Merck wurden bereits geknüpft. Es besteht also Hoffnung für Simon, Beto, Sascha, Thomas, Nico, Lisa – und Frau Warnebold.
Poetry Slam boomt. Zu den Slams im Rhein-Main-Gebiet kommen regelmäßig hunderte Besucher und auch das Fernsehen hat die Dichterschlachten längst als gehaltvolle Alternative zu schwächelnden Comedy-Formaten für sich entdeckt. Schleifen TV-Sendungen und steigende Publikumszahlen der rauen Kunstform die Kanten ab? Wir sprachen mit Kennern und Ku?nstlern u?ber eine Szene im Umbruch.
Bis auf die Straße drängen sich die Menschen. Die Schlange vor dem KUZ in Mainz wird lang und länger, denn die Karten für den fünften Mainzer Poetry Slam sind heiß begehrt. Das Kulturzentrum wird an diesem Abend bis auf den letzten Platz besetzt sein. Seit dem ersten Dichterwettstreit im Dezember 2007 hat sich die Veranstaltung mit über 350 Besuchern zum größten monatlichen Slam der Region entwickelt.
Ein Boom im Verborgenen
Poetry Slam boomt – nicht nur in Mainz sondern in ganz Deutschland. Jedoch es ist ein sonderbarer Boom. Ein Boom im Verborgenen, irgendwo am Rande der Gesellschaft, abseits des medialen Fokus. „Poetry Slam führt ein Nischen-Dasein wie eine Unterkategorie von Indipendant-Musik“, versucht Boris Preckwitz das Phänomen zu erklären. Für die einen ist es das nächste große Ding – anderen ist Poetry Slam noch gänzlich unbekannt. Preckwitz ist ein Slammer der ersten Stunde und ein entscheidender Wegbereiter der deutschsprachigen Szene.
Er war dabei, als das Format Poetry Slam Ende der Neunziger aus den USA importiert wurde. 1986 hatte dort der Bauarbeiter Marc Kelly Smith in einem kleinen Club in Chicago den ersten Slam veranstaltet. Rock und Punk waren die Wurzeln der Bewegung und auf den Bühnen standen politische Minoritäten. Bei den Slams flogen Stühle, nicht selten gab es statt ausbleibendem Applaus und schlechter Wertungen gebrochene Nasen und wilde Schlägereien.
Heute fliegen zwar keine Stühle mehr, doch Poetry Slams ist noch immer rebellischer, experimenteller, überraschender als jedes etablierte Kleinkunstformat, als jede lauwarme Comedy-Show im Fernsehen. Auf einen urkomischen Vortrag über die eigene Großmutter mit Beatbox und Rap-Einlagen folgt ein verschrobenes Gedicht über den Sinn des Lebens; einem verkrampft vorgelesenen Text mit flachen pubertären Witzchen, grandiose Wortspielereien, die man der eigenen Muttersprache kaum zugetraut hätte. Lyrik, Kurzprosa, gereimt oder ungereimt – kein Abend gleicht dem anderen und das spricht sich herum: In Zeiten von You-Tube ist Mund-zu-Mund-Propaganda einer der Hauptgründe für die rasante Entwicklung der Slam-Kultur. Wer einmal dabei war, kommt wieder und bringt beim nächsten Mal gleich seine Kumpels mit. Die Verbindung zwischen Slammern und Publikum fasziniert. Direkt und gnadenlos ehrlich können die Zuschauer zeigen, wie der vorgetragene Text bei ihnen ankommt.
Poetry Slams sind die Lesungen für die Casting- Generation. Umjubelt werden vor allem humorvolle Texte. Platte Comedy setze sich immer häufiger gegen hochwertige, ernstahfte Lysrik oder Prosa durch, beobachtet Dr. Alexander Deppert alias Alex Dreppec. Er veranstaltet neben der berühmten Darmstädter Dichterschlacht, die über 1000 Besucher anlockt, auch mehrere kleine Slams in der Wissenschaftsstadt. „Ich habe das schon erlebt. Da möchte man weinen.“
Der 18-jährige Slammer Tilman Döring aus Darmstadt fordert, Witz müsse mit einer guten und interessanten Sprache verbunden werden, denn: „Lustige Texte sind wichtig und gehören zum Poetry Slam dazu.“ Jedoch: Selbst bei Texten, die als ernst angekündigt werden, wartet der Saal inzwischen minutenlang auf einen Gag. Bleibt dieser aus, vernimmt man nichts als irritiertes Schweigen. „Das Publikum will bis zum Erbrechen lachen,“ bedauert der Darmstädter.
Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege
Liegt es also an den Zuschauern, dass man manch einen Slam nicht mehr von einer Kabarettshow unterscheiden kann? Die Antwort wäre zu einfach: Das Format lässt es zu, dem Volk nach dem Mund zu schreiben.
Um dem entgegenzuwirken und nicht auf jeden Comedy-Mist reinzufallen müssten die Zuhörer ein kritisches Ohr entwickeln, sagt Boris Preckwitz. Doch häufig fallen sie rein. „Publikumsorientiertes Texten ist verlockend,“ gesteht Tilman Döring – auch er sei bereits ein zweimal unterlegen. Mit lautem Klatschen im Kopf, lässt sich nur schwer gegen den Strom schreiben. Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege. Siege bringen Bekanntheit. Bekanntheit bringt einen Slammer ins Fernsehen. Seit Februar 2007 zeigt der WDR am späten Sonntagabend den WDR Poetry Slam. Auch Alex Dreppec und Tilman Döring waren schon dabei. Im April diesen Jahres folgte die Sendung „Slam Palast“ – bezeichnenderweise auf dem Digital-Sender Sat 1 Comedy. „Nach der ‚Slam Tour mit Kuttner‘ zeigen wir ein weiteres Format im angesagten Genre Poetry-Comedy“, warb der Sender in einer Presseerklärung. Poetry-Comedy? Gibt es u?berhaupt noch einen Unterschied zwischen Poetry Slam und Stand-Up-Comedy?
„Selbst der lustigste Slam-Text hat noch einen Inhalt und genügt einem literarischen Mindestanspruch“, behauptet Sebastian Rabsahl, besser bekannt als Sebastian 23. Seine eigenen Texte seien zu 75 Prozent lustig, der Rest sei ernst.
Boris Preckwitz sieht den Schenkelklopfer-Trend kritischer. Der ehemalige Slammer, der sich inzwischen weitestgehend aus der Szene zurückgezogen hat, fürchtet um Kunst und Kultur: „Die Lacher werden zunehmend wichtiger als die Irritation.“ In der Tat wirkt die einstmals so anarchistische, wilde Kunst, die als Plattform diente, um soziale Ungerechtigkeiten und politische Missstände anzuprangern, heute wie das Magazin Neon in Versform. Probleme zwischen Frauen und Männern, Computer und Fäkalien sind die Themen, die junge Menschen zum Grölen bringen.
„Die Szenekultur wird zu Popkultur“, analysiert Preckwitz. Slams, bei denen man ohne Anmeldung seine Texte vortragen kann, sind zur Seltenheit geworden. Der Slam „13 Darmstädter Dichter“, den Alexander Deppert neben der großen Dichterschlacht ins Leben gerufen hat, um Poetry-Slam-Einsteigern in und um Darmstadt eine Bu?hne zu bieten, ist eine Ausnahme. Die ursprüngliche Kultur des offenen Mikrofons steht im Kontrast zur heutigen Professionalisierung des Poetry Slams.
Vom Untergrund zum Kassenschlager?
Wird die Untergrundkunst Poetry Slam zum kommerziellen Kassenschlager? Sebastian Rabsahl widerspricht: „Der Begriff „kommerziell“ wird gerne gebraucht, um kulturelle Strämungen, mit denen Geld verdient wird, zu brandmarken. Damit habe ich Schwierigkeiten. Natürlich ist es der Wunsch jedes Künstlers, von seiner Kunst zu leben. Und der Wunsch des Bäckers ist es, von seinem Brot zu leben. Dazu muss man es verkaufen. „L’art pour l’art“ – das halte ich für abwegigen Idealismus.“
Sebastian 23 gehört dem Lesezirkel von Poeten an, das quer durch die Republik von Slam zu Slam reist. „Zwischen gelebtem Traum und Besessenheit“ steht er fast jeden Abend als Solo-Slammer oder mit seiner Gruppe SMAAT, dem Gewinnerteam der deutschsprachigen Poetry-Meisterschaften 2007, auf der Bühne. Inzwischen können Slammer wie er tatsächlich mit Poetry ihre Brötchen verdienen. Doch den wenigsten gelingt das. Um die besten Slammer in seine Poetry Slam Show zu locken, zahlt der WDR bis zu 300 Euro – bei normalen Slams bekommen die Poeten in der Regel höchstens die Fahrtkosten erstattet. „Auf den Slammer in Goldketten und Ferrari warte ich immer noch“, witzelt Rabsahl. Die meisten Slammer werden wohl auch künftig ihren Broterwerb mit einem anderen Handwerk bestreiten müssen.
Doch auch ohne Goldketten und Ferrari – der Ruhm verändert den Charakter des Poetry Slams. Sollte er eines Tages tatsächlich zur Popkultur geworden sein, unterliegt er auch ihren Regeln: Ein Rohdiamant wird nach oben gespült, bis er zum weichen Handschmeichler wird. Und wenn ihn dann alle mal gestreichelt haben, fällt er schneller als ein Kieselstein.
Die besonderen Momente des Alltags sind es, die unser Leben prägen. Meist nehmen wir sie gar nicht richtig wahr. An dieser Stelle berichten unsere Autoren von solchen Momenten. So auch Tobias Reitz, der jetzt zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Currywurst von Best Worscht in Town machte.
„Nicht, dass du am Ende Pipi in den Augen hast“, ergänzt der junge Wurstverkäufer bedrohlich seine Frage, ob ich mir wirklich sicher sei. „Einmal Currywurst Stufe C. Mach Pommes dazu!“ – Ich bin mir sicher. Drei höhere Schärfegrade hält der Imbiss bereit, Stufe C wird mich schon nicht umbringen.
Der Red Savina Habanero Chili, der in der Tunke verwurstet wird, ist 18 mal schärfer als Tabasco. Doch das beeindruckt mich ebenso wenig wie die Warnungen erfahrener Wurstathleten: Ich solle meine Lippen vor der Soße schützen, Milch und Honig bereithalten und mich auf tagelanges Leiden einstellen. Bemitleidenswerte Weicheier. Als Zugeständnis bestelle ich eine Flasche Spezi und beziehe gemeinsam mit Matthias, der von allen nur Wurst-Achim genannt wird, einen kleinen weißen Stehtisch in der Mittagssonne. Wir wollen uns langsam hochbeißen. Ein lockerer Einstieg auf Stufe C, dann Currywurst Grad D mit Vicious Viper Soße, die es laut Flyer nur für gestandene Männer und auf eigenes Risiko gibt. Und nach „Lähmungserscheinungen und Atemnot“ auf Stufe E wollen wir es wagen. Stufe F – die Königsdisziplin. Unsere Mission beginnt. Wir greifen zu den kleinen Plastik-Dreizacks, spießen uns ein Wurststück vom Rand der Pappschale auf und schieben es vorsichtig in den Mund. Harmlos kommt der erste Bissen daher – eine angenehme Schärfe, so hat man das gern. Aber am Rand hat der Wurstverkäufer dem Ketchup nur wenig von dem feurigen Pulverchen beigemischt. Ich werde übermütig und picke einen Brocken aus dem Herzen der Pappschale. Der orangerote Curryklumpen, der an der Wurst klebt, ist deutlich zu sehen. Wagemutig lasse ich das Gäbelchen meine Lippen touchieren und beginne zu kauen. „Geht doch“, möchte ich noch sagen, dann rennen die Kinder panisch auf den Schulhof. Feueralarm.
Die Mundhöhle brennt, schmerzt und fleht darum, gelöscht zu werden. Die Antwort auf die Frage: „Rind oder Schwein?“ hat sich in diesem Moment erübrigt, denn von der
Wurst ist nichts mehr zu schmecken. Mir steht der Schweiß auf der Stirn und ich bekomme fürchterlichen Schluckauf. Meine Lippen brennen. Nie war der Vergleich mit dem kleinen Kind, das vor dem heißen Herd gewarnt wird und sich neugierig die Fingerchen verbrennt, passender als in diesem Moment.
Einige Pommes und drei Wurststückchen später beginnt es in meinem Magen zu grummeln. Das wird morgen noch einmal brennen. „Stufe D?“, fragt mich Wurst-Achim, nachdem wir das Schälchen brav leer gegessen haben. „Lass mal gut sein“, sage ich mit etwas Pipi in den Augen. Ich muss dem darmspiegel wohl mein Versagen schildern, gestehe ich mir ein und nehme einen Schluck Löschwasser.
Pietro fährt acht Stunden Bus und verlässt doch nie die Grenzen seiner Stadt. Als Busfahrer ist er von bis zu 150 Menschen umgeben und trotzdem immer allein. (weiterlesen…)
Eine Leuchte schien er mir nicht gerade zu sein, der Photograph einer Darmstädter Lokalzeitung.
Als er mich heute am Set von 13 Semester fragte, wen er da gerade photographiert habe, hatte ich kurzzeitig Verständnis dafür, dass in immer mehr Redaktionen die Stelle des reinen Photographen gestrichen wird, gab ihm dann aber doch Auskunft: Max Riemelt.
Ein Hoch auf die Arbeitsteilung. Warum der Redakteur sich nicht um die BU kümmern konnte, wurde mir dann hinterher klar: Dass in Darmstadt ein Kinofilm gedreht wird, gereicht gerade zum Aufhänger.
Viel interessanter fand der Kollege hingegen, auf welchen Straßen und Plätzen es wegen der Dreharbeiten in der kommenden Woche zu Behinderungen kommen wird. Ratgeberjournalismus der Extraklasse.


