Als die Darmstädter Kulturgesellschaft an diesem winterlichen Abend nach einer Galavorstellung das Theater verlässt, schaut sie auf etwas nie zuvor Gewesenes. Doch ist nicht besonders was – sondern dass sie sieht. Darmstadts Zentrum scheint lichtdurchflutet, so hell war es noch nie. Im „klarsten, fast tageshellen Licht“ erstrahlen Theater- und Paradeplatz, der Markt und die Rheinstraße. Am Portal des Theaters erglänzen „die grandiosen Namenszüge Ihrer Königlichen Hoheit des Großherzogs und der Großherzogin mit der Krone in prachtvollen Gasflammen“, schreibt das Darmstädter Tagblatt. Es ist der 14. März 1855. Bis dahin leuchteten Petroleumlampen über öffentlichen Plätzen, Brunnen und Straßen. Jetzt aber sind es 220 Gaslaternen – pünktlich zum Namenstag der Großherzogin Mathilde. Im 21. Jahrhundert ist das längst kein Grund zum Feiern mehr. Gut 15 000 Lampen erhellen heute die Nacht, von Wixhausen bis Eberstadt. Doch das Licht ist getrübt. Die wenigsten haben bisher erkannt, dass die Nacht schon lange nicht mehr Nacht ist. Diejenigen, die es bemerkt haben, sprechen längst von Lichtverschmutzung. Gemeint ist die Verunreinigung durch Licht, und nicht etwa des Lichtes selbst.
Total verstrahlt
An manchen Stellen ist Darmstadt so sehr erleuchtet, dass man nicht einmal mehr die Sterne erkennt. „Wer heute noch die Milchstraße sehen will, muss raus aus der Stadt“, sagt Gunnar Glitscher von der Arbeitsgemeinschaft Astronomie und Weltraumtechnik Darmstadt. Seit Ende der 60 er Jahre schaut Glitscher schon in den Nachthimmel. Die Situation in Großstädten war für Amateur-Astronomen wie ihn schon früher nicht sehr gut. Mit neu angelegten Baugebieten und der Ausleuchtung jedes noch so kleinen Weges wurde die Lage immer gravierender. Zum Sterneschauen gehen Glitscher und seine Vereinsfreunde bis weit vor die Tore der Stadt, auf den Wiesenparkplatz des Mühltalbads in Eberstadt. Vollkommene Dunkelheit herrscht aber selbst hier nicht: „Die Stadtbeleuchtung aus Darmstadt strahlt herüber“, sagt Glitscher. „Wenn man nach Norden schaut, ist der Himmel schrecklich hell. Im Süden, in Richtung Odenwald, ist es viel dunkler.“ Dabei ließe sich ein Großteil der falschen Beleuchtung verhindern. „Die meisten Straßenlampen strahlen auch seitlich und nach oben hin ab. Dort fängt sich das Licht in Partikeln der Atmosphäre und wird zur Erde zurück geschickt“, erklärt Glitscher. Fahrlässig seien jene Bodenleuchten, die vorzugsweise Bäume von unten anstrahlen – bei fehlendem Laub im Herbst und Winter schießt das Licht direkt in den Himmel.
Der weiße Tod
Doch nicht allein der Ausfallwinkel des Lichts ist das Problem. „Licht ist nicht gleich Licht“, weiß Sibylle Winkel, Biologin beim Naturschutzbund Hessen. Schon Mitte der 90er Jahre hat sie sich für eine umweltfreundliche Außenbeleuchtung eingesetzt. Ihr geht es vornehmlich um den Schutz nachtaktiver Insekten: „Es kommt auf den Spektralbereich an. Die Wahrnehmung von Insekten geht weit über die des Menschen hinaus, Insekten können auch lang- und kurzwelliges Licht sehr gut erkennen.“
Die größte Todesfalle: die Quecksilberdampfhochdrucklampe. Genauso monströs wie ihr Name ist auch ihre Auswirkung auf die Tiere. Im grellweißen Licht sterben laut einer Studie der Universität
Mainz in einer einzigen Sommernacht rund 150 Insekten – an nur einer Leuchte. Keine Lösung, aber eine Verbesserung, seien Natriumdampflampen. Mit ihrem typischen gelben Licht fordern sie über 60 Prozent weniger Opfer. Biologin Winkel hat den Einsatz der Natriumlampen in ihrer finanziell stets klammen Heimatstadt Offenbach noch mit einem anderen Argument durchgesetzt: „Nicht nur die Umweltschädlichkeit geht zurück – auch die Energieausbeute steigt.“
Quecksilbrige Stromfresser
„Wir haben schon mehr als die Hälfte der Lampen ausgetauscht, 3800Quecksilberlampen gibt es noch“, sagt Peter Funk, technischer Angestellter beim hiesigen Tiefbauamt. Funk und seine Kollegen sind sensibilisiert für das Thema Lichtverschmutzung und wissen: „Nicht jeder gestalterische Wille ist auch effizient.“ So würden Bodenstrahler sparsam eingesetzt und etwa im Herrngarten nur zu besonderen Anlässen wie dem Heinerfest eingeschaltet. Gesetzliche Vorgaben gibt es keine: „Das machen wir uns selbst zur Auflage.“ Die öffentliche Beleuchtung kostet die Stadt Darmstadt 17 Euro pro Jahr und Lampe an Strom- und Wartungskosten. Hochgerechnet sind das 255 000 Euro für die 15 000 Lampen im gesamten Stadtgebiet. Deutschlandweit macht die Beleuchtung von Straßen, Plätzen und Brücken zehn Prozent des gesamten Stromverbrauchs in der Republik aus.
Doch selbst Natriumdampflampen sind technisch bereits überholt. Die Zukunft wird in Arheilgen getestet. Dort hat der Fachbereich Lichttechnik der Technischen Universität die Grillparzerstraße mit verschiedenen LED-Lampen bestückt. Neben dem Energieverbrauch interessiert die Forscher auch das Ambiente der neuartigen Lampen.„Alle Probanden, vor allem aber ältere Personen, empfinden die LEDLampen als angenehmer“, sagt Diplomingenieur Christoph Schiller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich. Schon im Jahr 2012 solle die LED-Technik auf Deutschlands Straßen ankommen. Spätestens im Jahr 2015 müssen die Kommunen den Quecksilberlampen ohnehin abgesagt haben. So will es eine EU-Richtlinie.
Beamer in the Sky
Nicht betroffen von den Auflagen aus Brüssel sind jene Lichtgespenster, die man häufig auf Discos sieht: Skybeamer. Ihr Lichtkegel hat eine Reichweite von bis zu 40 Kilometern, vor allem für Zugvögel eine Gefahr. „Weil im Herbst das Licht der Skybeamer über ihnen an der Wolkendecke reflektiert, verlieren die Vögel ihre Orientierung“, sagt Biologin Winkel. Zur Jahrtausendwende erreichte sie ein freiwilliges Abkommen zwischen dem hessischen Umweltministerium und dem Gaststätten- und Hotelverband, die Skybeamer zumindest in den Hauptzeiten des Vogelzugs – Oktober und November – abzuschalten.
Einen weitaus rigoroseren Weg ging vor einigen Jahren der Darmstädter Raumfahrtingenieur und Amateurastronom Rainer Kresken. Er klagte gegen den Einsatz von Skybeamern vor Gericht: „Skybeamer sind Werbeanlagen – und da gibt es genaue Vorschriften“, sagt Kresken und erreichte so das Aus einer Scheinwerferanlage im Odenwald. Doch für Kresken ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein: „Innerhalb Darmstadts kann man kaum noch gescheite Beobachtungen machen.“ So habe er sich gar nicht erst den Astronomen auf der Ludwigshöhe zugewandt, sondern fahre für seine Beobachtungen zur Starkenburg-Sternwarte Heppenheim, deren Vorsitzender er mittlerweile ist.
Doch was tun?
Das Licht der gesamten Stadt abschalten? Schon einmal haben Darmstadts Bürger so ihrem Protest gegen die Beleuchtung Ausdruck verliehen: Im Februar 1928 führte die Darmstädter Geschäftswelt einen Lichtstreik durch und schaltete sämtliche nichtöffentliche Beleuchtung aus – damals aber gegen die unzulängliche Straßenbeleuchtung und für mehr Licht in Darmstadts Zentrum. Gunnar Glitscher würde das gerne wiederholen, allein um in der Bevölkerung ein Bewusstsein für das Zuviel an Licht zu schaffen. Er plant indes, eigens einen Verein zu gründen und im Rahmen von Nachtbegehungen auf schlechtes oder gar unnützes Licht aufmerksam zu machen: „Die Beleuchtung am Langen Ludwig ist ja romantisch – aber 80 Prozent gehen einfach in den Himmel. Das könnte man doch besser machen.“
Fünf rote Sterne deluxe: Wer die Rote Gourmet Fraktion als Tour-Köche engagiert, schlemmt backstage im Schlaraffenland. Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen über Punkrock-Catering und die politisch korrekte Studenten-Küche
»I hate Christmas. I hate Jesus. But it’s okay that it’s gone.« Ein englischer Rowdie mit knolliger Nase und verquollenen Augen antwortet grinsend auf die Frage nach den Feiertagen. Keine Festtagsromantik am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags in der Frankfurter Festhalle. Männer mit Helmen und verwüsteten Frisuren, schweren Stiefeln und Pullovern von Bands quer durch die Rockgeschichte schleppen zentnerschwere Bühnenbauteile, installieren Scheinwerfer und Technik, klopfen, hämmern, schrauben. Zehn Stunden später werden hier die Toten Hosen in der ausverkauften Halle spielen. Frankfurt ist eine der letzten Stationen ihrer »machmalauter«-Tour im Jahr 2008. Mit auf Tournee ist auch diesmal die Rote Gourmet Fraktion (RGF). Der Catering-Service von Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen ist seit Jahren ein treuer Begleiter der Hosen.
In den Katakomben der Festhalle versorgt das Team um die beiden Hamburger sowohl Band als auch Crew mit Speis und Trank. In der Cafeteria sitzen einige der Arbeiter beim Frühstück. Tannenzweige, Kerzen und Nüsse zieren die Biertische, überzogen mit roten Plastiktischdecken. Etwas Festtagsromantik für hartgesottene Rocker. Das Buffet hingegen ist klassisch gehalten: Plastikratten und Totenköpfe blicken zwischen Cerealien, Obst, Kaffee, Brötchen und Warmhaltevorrichtungen hervor. An der Wand hängt ein großer schwarzer Stofffetzen: »All Cooks Are Bastards« – ein Späßchen, gewachsen auf den Mist eines gewissen Farin U. Das RGF-Banner mit dem inzwischen markenrechtlich geschützten roten Stern prangt direkt über der Anrichte. Der Name stößt bis heute auf Ablehnung. Doch er dient auch als Filter; bewahrte die RGF vor unliebsamen Kunden, als Jörg und Ole noch zu zweit in den Hinterzimmern deutscher Konzerthallen Musikermampf kredenzten.
AC/DC dröhnt aus der Küche nebenan. Der iPod auf der großen Box mit den zahllosen Gewürzen läuft auf Dauerrotation. Um 7.45 Uhr gingen bei der RGF heute die Trucktüren auf. Während nach und nach alle Flightcases mit Herden, Kaffeemaschinen, Mikrowellen, Töpfen, Deko, Geschirr und Gedöns in die Kellerräume der Festhalle gewuchtet wurden, lief der erste Kaffee durch. Nur 30 Minuten später brutzelten die Rühreier in der Pfanne. »Die erste halbe Stunde ist zum Wachwerden. Da müssen alle Vollgas geben«, sagt Ole. Und mit Vollgas geht es weiter. Mindestens bis halb zwölf in der Nacht, manchmal länger.
Längst sind Ole und Jörg nicht mehr alleine. Die RGF ist fast 16 Jahre nach der Gründung Veranstalter von Show-Koch-Events, Eventcaterings und Kochkursen. In Hochzeiten sind bis zu 50 Leute beschäftigt. In Frankfurt sind es deren sechs. Sie schnibbeln, dünsten, kochen, kosten. Ein junger Koch mit schwarzer RGF-Pudelmütze steht an einem der mobilen Herde. Sein tätowierter Arm brät Fleischwurst an; deftige Kost für hungrige Arbeitermägen. »Die Jungs sind da draußen Traversen am kloppen. Denen kannst du nicht mit kleinen Tellerchen kommen«, weiß Jörg um die Wu?nsche der Kunden. »Mittags gibt’s was Derbes, Gullasch oder Hackbraten – abends dann richtige Angeberteller mit frittierter Garnitur und Schaumsößchen.«
Die Menüs entstehen in den Tagen vor der Tournee in der RGF-Homebase in Hamburg. Die Zutaten kauft die Crew vor Ort beim nächsten Lebensmittelgroßhandel. Für frische Produkte und Extrawünsche ist jederzeit ein ortskundiger Runner abrufbereit. Das ist zum Beispiel, »wenn Earth, Wind & Fire zweieinhalb Kilo Ingwer bestellen«, sagt Ole, »und ich das durch die Saftpresse hauen und erwärmen muss, um es dann nochmal durch den Kaffeefilter zu jagen. Die trinken das mit irgendwas, weil’s gut fu?r die Gesundheit ist. Das ist für jemanden, der das liest, ausgefallen. Für uns ist das ganz normal.«
Bei der Menüwahl dürfen alle ihre Ideen einbringen. Rezepte als Inspirationsquelle nutzt Ole nicht. Kochen ist Anarchie. Aber weil jede gepflegte Anarchie eine gewisse Hierarchie brauche, gebe es auch in den fahrenden Küchen der RGF Küchenchefs, erklärt Ole. Jörg und er stehen selbst immer seltener hinter dem Herd. »Wir versuchen das so häufig wie möglich, doch wenn dauernd das Handy klingelt, kann man einfach nicht kochen«, sagt Jörg und schmeckt schnell noch die Curry-Sauce für das bevorstehende Mittagessen ab.
Poetry Slam boomt. Zu den Slams im Rhein-Main-Gebiet kommen regelmäßig hunderte Besucher und auch das Fernsehen hat die Dichterschlachten längst als gehaltvolle Alternative zu schwächelnden Comedy-Formaten für sich entdeckt. Schleifen TV-Sendungen und steigende Publikumszahlen der rauen Kunstform die Kanten ab? Wir sprachen mit Kennern und Ku?nstlern u?ber eine Szene im Umbruch.
Bis auf die Straße drängen sich die Menschen. Die Schlange vor dem KUZ in Mainz wird lang und länger, denn die Karten für den fünften Mainzer Poetry Slam sind heiß begehrt. Das Kulturzentrum wird an diesem Abend bis auf den letzten Platz besetzt sein. Seit dem ersten Dichterwettstreit im Dezember 2007 hat sich die Veranstaltung mit über 350 Besuchern zum größten monatlichen Slam der Region entwickelt.
Ein Boom im Verborgenen
Poetry Slam boomt – nicht nur in Mainz sondern in ganz Deutschland. Jedoch es ist ein sonderbarer Boom. Ein Boom im Verborgenen, irgendwo am Rande der Gesellschaft, abseits des medialen Fokus. „Poetry Slam führt ein Nischen-Dasein wie eine Unterkategorie von Indipendant-Musik“, versucht Boris Preckwitz das Phänomen zu erklären. Für die einen ist es das nächste große Ding – anderen ist Poetry Slam noch gänzlich unbekannt. Preckwitz ist ein Slammer der ersten Stunde und ein entscheidender Wegbereiter der deutschsprachigen Szene.
Er war dabei, als das Format Poetry Slam Ende der Neunziger aus den USA importiert wurde. 1986 hatte dort der Bauarbeiter Marc Kelly Smith in einem kleinen Club in Chicago den ersten Slam veranstaltet. Rock und Punk waren die Wurzeln der Bewegung und auf den Bühnen standen politische Minoritäten. Bei den Slams flogen Stühle, nicht selten gab es statt ausbleibendem Applaus und schlechter Wertungen gebrochene Nasen und wilde Schlägereien.
Heute fliegen zwar keine Stühle mehr, doch Poetry Slams ist noch immer rebellischer, experimenteller, überraschender als jedes etablierte Kleinkunstformat, als jede lauwarme Comedy-Show im Fernsehen. Auf einen urkomischen Vortrag über die eigene Großmutter mit Beatbox und Rap-Einlagen folgt ein verschrobenes Gedicht über den Sinn des Lebens; einem verkrampft vorgelesenen Text mit flachen pubertären Witzchen, grandiose Wortspielereien, die man der eigenen Muttersprache kaum zugetraut hätte. Lyrik, Kurzprosa, gereimt oder ungereimt – kein Abend gleicht dem anderen und das spricht sich herum: In Zeiten von You-Tube ist Mund-zu-Mund-Propaganda einer der Hauptgründe für die rasante Entwicklung der Slam-Kultur. Wer einmal dabei war, kommt wieder und bringt beim nächsten Mal gleich seine Kumpels mit. Die Verbindung zwischen Slammern und Publikum fasziniert. Direkt und gnadenlos ehrlich können die Zuschauer zeigen, wie der vorgetragene Text bei ihnen ankommt.
Poetry Slams sind die Lesungen für die Casting- Generation. Umjubelt werden vor allem humorvolle Texte. Platte Comedy setze sich immer häufiger gegen hochwertige, ernstahfte Lysrik oder Prosa durch, beobachtet Dr. Alexander Deppert alias Alex Dreppec. Er veranstaltet neben der berühmten Darmstädter Dichterschlacht, die über 1000 Besucher anlockt, auch mehrere kleine Slams in der Wissenschaftsstadt. „Ich habe das schon erlebt. Da möchte man weinen.“
Der 18-jährige Slammer Tilman Döring aus Darmstadt fordert, Witz müsse mit einer guten und interessanten Sprache verbunden werden, denn: „Lustige Texte sind wichtig und gehören zum Poetry Slam dazu.“ Jedoch: Selbst bei Texten, die als ernst angekündigt werden, wartet der Saal inzwischen minutenlang auf einen Gag. Bleibt dieser aus, vernimmt man nichts als irritiertes Schweigen. „Das Publikum will bis zum Erbrechen lachen,“ bedauert der Darmstädter.
Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege
Liegt es also an den Zuschauern, dass man manch einen Slam nicht mehr von einer Kabarettshow unterscheiden kann? Die Antwort wäre zu einfach: Das Format lässt es zu, dem Volk nach dem Mund zu schreiben.
Um dem entgegenzuwirken und nicht auf jeden Comedy-Mist reinzufallen müssten die Zuhörer ein kritisches Ohr entwickeln, sagt Boris Preckwitz. Doch häufig fallen sie rein. „Publikumsorientiertes Texten ist verlockend,“ gesteht Tilman Döring – auch er sei bereits ein zweimal unterlegen. Mit lautem Klatschen im Kopf, lässt sich nur schwer gegen den Strom schreiben. Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege. Siege bringen Bekanntheit. Bekanntheit bringt einen Slammer ins Fernsehen. Seit Februar 2007 zeigt der WDR am späten Sonntagabend den WDR Poetry Slam. Auch Alex Dreppec und Tilman Döring waren schon dabei. Im April diesen Jahres folgte die Sendung „Slam Palast“ – bezeichnenderweise auf dem Digital-Sender Sat 1 Comedy. „Nach der ‚Slam Tour mit Kuttner‘ zeigen wir ein weiteres Format im angesagten Genre Poetry-Comedy“, warb der Sender in einer Presseerklärung. Poetry-Comedy? Gibt es u?berhaupt noch einen Unterschied zwischen Poetry Slam und Stand-Up-Comedy?
„Selbst der lustigste Slam-Text hat noch einen Inhalt und genügt einem literarischen Mindestanspruch“, behauptet Sebastian Rabsahl, besser bekannt als Sebastian 23. Seine eigenen Texte seien zu 75 Prozent lustig, der Rest sei ernst.
Boris Preckwitz sieht den Schenkelklopfer-Trend kritischer. Der ehemalige Slammer, der sich inzwischen weitestgehend aus der Szene zurückgezogen hat, fürchtet um Kunst und Kultur: „Die Lacher werden zunehmend wichtiger als die Irritation.“ In der Tat wirkt die einstmals so anarchistische, wilde Kunst, die als Plattform diente, um soziale Ungerechtigkeiten und politische Missstände anzuprangern, heute wie das Magazin Neon in Versform. Probleme zwischen Frauen und Männern, Computer und Fäkalien sind die Themen, die junge Menschen zum Grölen bringen.
„Die Szenekultur wird zu Popkultur“, analysiert Preckwitz. Slams, bei denen man ohne Anmeldung seine Texte vortragen kann, sind zur Seltenheit geworden. Der Slam „13 Darmstädter Dichter“, den Alexander Deppert neben der großen Dichterschlacht ins Leben gerufen hat, um Poetry-Slam-Einsteigern in und um Darmstadt eine Bu?hne zu bieten, ist eine Ausnahme. Die ursprüngliche Kultur des offenen Mikrofons steht im Kontrast zur heutigen Professionalisierung des Poetry Slams.
Vom Untergrund zum Kassenschlager?
Wird die Untergrundkunst Poetry Slam zum kommerziellen Kassenschlager? Sebastian Rabsahl widerspricht: „Der Begriff „kommerziell“ wird gerne gebraucht, um kulturelle Strämungen, mit denen Geld verdient wird, zu brandmarken. Damit habe ich Schwierigkeiten. Natürlich ist es der Wunsch jedes Künstlers, von seiner Kunst zu leben. Und der Wunsch des Bäckers ist es, von seinem Brot zu leben. Dazu muss man es verkaufen. „L’art pour l’art“ – das halte ich für abwegigen Idealismus.“
Sebastian 23 gehört dem Lesezirkel von Poeten an, das quer durch die Republik von Slam zu Slam reist. „Zwischen gelebtem Traum und Besessenheit“ steht er fast jeden Abend als Solo-Slammer oder mit seiner Gruppe SMAAT, dem Gewinnerteam der deutschsprachigen Poetry-Meisterschaften 2007, auf der Bühne. Inzwischen können Slammer wie er tatsächlich mit Poetry ihre Brötchen verdienen. Doch den wenigsten gelingt das. Um die besten Slammer in seine Poetry Slam Show zu locken, zahlt der WDR bis zu 300 Euro – bei normalen Slams bekommen die Poeten in der Regel höchstens die Fahrtkosten erstattet. „Auf den Slammer in Goldketten und Ferrari warte ich immer noch“, witzelt Rabsahl. Die meisten Slammer werden wohl auch künftig ihren Broterwerb mit einem anderen Handwerk bestreiten müssen.
Doch auch ohne Goldketten und Ferrari – der Ruhm verändert den Charakter des Poetry Slams. Sollte er eines Tages tatsächlich zur Popkultur geworden sein, unterliegt er auch ihren Regeln: Ein Rohdiamant wird nach oben gespült, bis er zum weichen Handschmeichler wird. Und wenn ihn dann alle mal gestreichelt haben, fällt er schneller als ein Kieselstein.

