Die Terroranschläge in Mumbai, die Notwasserlandung auf dem Hudson, das Flugzeugunglück in Amsterdam, der Amoklauf in Winnenden: Es waren die Katastrophen der vergangenen Monate, die Twitter in die Schlagzeilen brachten. Schneller als jede Nachrichtenagentur verbreiteten Augenzeugen ihre Beobachtung über den Microblogging-Dienst im Internet. Allein in Deutschland sind inzwischen mehr als 50.000 Menschen über Twitter aktiv vernetzt und zwitschern sich in höchstens 140 Zeichen zu, was sie gerade gesehen, erlebt, gefunden oder erfahren haben.
Twitter auf dem Lehrplan
Auch Universitäten nutzen das Web-Phänomen der Stunde. An der Hochschule Darmstadt hat es Twitter im vergangenen Semester gar auf den Lehrplan geschafft: Professor Thomas Pleil verpflichtete die Studenten des Studiengangs Online-Journalismus mit Schwerpunkt Public Relations zum regelmäßigen Twittern. „Die Vernetzung nach außen ist in Medienberufen sehr wichtig,“ erklärt Pleil seine Intention. Twitter biete den Studierenden die Chance, neue Kontakte zu knüpfen und erweitere den Lernraum vom Campus ins Wohnzimmer. Einige seiner Studenten bauten in wenigen Monaten Netzwerke von über 100 Followern auf. Ihre Kommilitonen und Dozenten sind ebenso darunter wie Personen aus der Praxis und potentielle Arbeitgeber.
Für Diplomand Ferdinand von Reinhardstoettner ist Twitter mehr als eine Pflichtübung geworden. Als @FerdinandvR folgt er den Updates von fast 350 Nutzern, 270 haben ihrerseits seine Tweets abonniert. Anfangs sei es ungewohnt gewesen, Gedanken im Internet zu platzieren oder auf Updates zu antworten, beschreibt der Student seine ersten Gehversuche. „Nachdem mir jedoch die ersten Personen folgten und Diskussionen entstanden, war die Angst ad acta gelegt.“ Heute nutzt er Twitter, um bei Fragen schnelle Hilfe aus dem Netz zu bekommen und um sich mit aktuellen Informationen zu seinem Interessengebiet, der PR, zu versorgen. Thomas Pleil rät zu solch einer professionellen Nutzung. Twitterer sollten wie von Reinhardstoettner unter ihrem richtigen Namen publizieren und versuchen, ihren Followern einen Mehrwert zu bieten.
Erst denken, dann twittern
Denn so förderlich wie Twitter für die Karriere von Studenten sein kann, so zerstörerisch sind unüberlegte Updates in Kombination mit Google. Die Suchmaschine vergisst und verzeiht nichts. Auch nicht die 140 Zeichen über die Wohnheimparty, auf der mit Kommilitonen wieder mal 20 Kästen Billigbier weggehauen wurden. „Ein spontaner unbedachter Tweet kann der eigenen oder fremden Reputation erheblichen Schaden zufügen,“ warnt Pleil. Die Devise lautet: Erst denken, dann twittern!“
Pleil ist sich sicher, dass sich Twitter auch in anderen Studiengängen einsetzen lässt und rät zu Experimentierfreude. Eine „Twitterwall“ belebe beispielsweise Vorträge und Podiumsdiskussionen. Alle Tweets mit einem bestimmten Hashtag werden mit einem Zusatzprogramm (Tweetdeck) gesammelt und mit einem Beamer auf eine Leinwand projiziert. So kann die Veranstaltung live über Twitter kommentiert werden – kritische Nachfragen, weiterführende Links als stille elektronische Zwischenrufe.
Eine andere Einsatzform des Microblogging-Dienstes hat die Mensa der Technischen Universität Ilmenau für sich entdeckt. @ilmens zwitschert den Studenten täglich den Speiseplan zu. Hier ist Twitter wahrlich in aller Munde.
Knapp zwei Wochen nach dem Erdbeben von Pakistan ist die Lage in den betroffenen Gebieten weiterhin dramatisch. Im Vergleich zum Tsunami im Dezember 2004 fiel die Spendenfreudigkeit deutlich geringer aus. Gerät das Leid in Pakistan bereits in Vergessenheit?
Knapp zwei Wochen nach dem Erdbeben von Pakistan ist die Lage in den betroffenen Gebieten weiterhin dramatisch. UN-Generalsekretär Kofi Annan warnt die Weltgemeinschaft vor einer „zweiten Todeswelle“. Gerade einmal 37 Millionen Dollar stünden zur Verfügung. Im Vergleich zum Tsunami im Dezember 2004 fiele die Spendenfreudigkeit deutlich geringer aus. Gerät das Leid in Pakistan bereits in Vergessenheit? Sehen wir uns an, was pakistanische Blogger schreiben.
„Der Medienrummel ist grundsätzlich kurzlebig. Er nimmt wahrscheinlich schon wieder ab.“, klagt Balloon Purple to the 1 am 19. Oktober . Er lebt in Lahore, der zweitgrößten Stadt Pakistans, die am 8. Oktober ebenfalls vom Erdbeben erschüttert wurde. Von den achtzehn anderen Teilnehmern des Blogs seiner Stadt war er der erste, der seine Erlebnisse am Morgen des Bebens ins Internet stellte:
„Ich wachte auf, das Bett wackelte. Aus irgendeinem Grund dachte ich, dass es nur ich selbst war, der wackelte. Aber die Fenster hörten nicht auf zu klappern… Ich stand auf, immer noch schlaftrunken, und ging auf die Tür zu. Der Boden wurde immer noch erschüttert und ich war total durcheinander und desorientiert.“
In derselben Stadt, fast eine Stunde später, findet MoonShine offenbar nur schwer die Worte für das zuvor Erlebte: „Lieber Gott, du hast uns soeben eine 7,6 auf der Richter Skala geschickt […] Wenn es nicht die Menschen sind, die sich gegen die Menschen richten, dann ist es die Welt, die sich gegen sie richtet. Ist dies das Ende der Welt, Gott? Wo bist du?“
Die stark religiös geprägten Beiträge sind typisch für die Reaktionen nach dem Erdbeben. Der Anteil muslimischer Einwohner im Land beträgt 96 Prozent. Auch sidrah aus Pakistans größter Stadt Karatschi verarbeitet das Geschehene auf einer religiös-solidarischen Ebene: „Es hätten genauso gut wir sein können. Wir sind nur ein paar hundert Kilometer vom Epizentrum entfernt. Nur ein kleines bisschen von Gottes Hand auf der Landkarte nach Norden versetzt, und die meisten von uns wären wahrscheinlich nicht mehr unter uns.“
Tief berührt berichtet sidrah , wie der Bruder eines Klassenkameraden in den Trümmern starb und nur noch anhand seines Laptops zu identifizieren war. „Wie grausam ist das? Ein Laptop überlebt, ein menschliches Leben flattert dahin, in einem stillen Boot in Richtung Himmel.“
Maleeha Azeem schreibt: „Das Erdbeben hat unser Leben verändert. Es wird nie wieder dasselbe sein. Was wir fühlen, was wir tun, was wir nicht tun… was wir sagen und denken… alles hat sich verändert.“
Weniger philosophisch, dafür umso kritischer geht onlooker von politicalpakistan das Thema an. Berichte über dringend benötigte Hubschrauber, die von indischer Seite angeboten, aber von Pakistans Präsident Musharraf abgelehnt wurden, kommentiert er: „Man fragt sich wirklich, in was für einer Welt diese Aufschneider leben?“
Am 18. Oktober, nachdem Musharraf bereit war, zumindest die Helikopter, jedoch nicht die indischen Piloten anzunehmen, schreibt onlooker : „Selbst wenn Indien diese Bedingung akzeptiert – was es sehr wahrscheinlich nicht tun wird – selbst dann haben wir einfach keine eigenen Piloten, die diese zusätzlichen Maschinen fliegen könnten!“
Die Solidarität scheint groß zu sein in Pakistan. Viele Blogger und Betreiber privater Websites sammeln Links und Hinweise darauf, wie gespendet werden kann. Doch die bisher geleistete Hilfe ist noch lange nicht ausreichend. Vor allem die pakistanische Regierung hat zu spät und ungenügend eingegriffen. Lob gibt es aber auch: Mudassir Sheikha vom Blog pakistaniperspective lobt die Hubschrauberpiloten der pakistanischen Armee, die „mehr geleistet haben, als man von ihnen erwartet hat […] die Dorfbewohner nennen sie Engel.“
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