Ich fühle mich wie ein Koffer

Am 14. November müssen die Wodka-Vorräte Darmstadts aufgestockt werden. Auf seiner Lesung und der anschließenden Release-Party der neuen Russendisko-Compilation verspricht Wladimir Kaminer, die ganze Centralstation platt zu klopfen. Warum er nie einen fiktionalen Roman schreiben wird und Bier kapitalistischer Beschiss ist, verrät der Autor im Gespräch mit dem darmspiegel

kaminer

Herr Kaminer, in einem Spiegel-Interview haben Sie gesagt, dass sie pro Woche nur eine DIN-A4-Seite zu Papier bringen. Trotzdem haben Sie in den vergangenen acht Jahren zwölf Bücher veröffentlicht. Die Rechnung geht nicht ganz auf, oder?

Kaminer Russendisko ist im Jahre 2000 erschienen. Das waren Texte, die ich 1998 und 1999 geschrieben habe. Außerdem geht die Rechnung sehr wohl auf: Ein DIN-A4-Blatt mit zwölfer Schrift sind 4.500 Zeichen, das sind drei Buchseiten. 53 Wochen im Jahr mal 4.500 Zeichen, das macht 250.000 Zeichen. Das sind anderthalb Bücher. Das geht schon irgendwie.

Die alten Notizen sind nun alle verschrieben. Wird es in Zukunft weniger Bücher geben?

Kaminer Ich arbeite nicht am Fließband. Mein Hauptanliegen ist nicht, eine bestimmte Anzahl von Zeichen zu produzieren. Man kann eine solche Art von Lebensforschung, wie ich sie betreibe, kaum beschleunigen oder – umgekehrt – bremsen. Entweder es passiert etwas, was mich zur Reflexion oder zum Nachdenken bewegt, oder es passiert nichts. Und dann wird auch nichts geschrieben. Das schlimmste was einem Geschichtensammler passieren kann ist, dass er anfängt, sich seine Geschichten aus der Nase zu ziehen.

Wird es also jemals ein Buch von Ihnen geben, in dem es nicht um Ihre Frau, Ihre Kinder, Ihre Eltern und die Leute, die sie umgeben geht, sondern in dem Sie eine fiktive Geschichte erzählen?

Kaminer Woher soll die Fiktion kommen? Fiktion ist ein absurder Begriff. Es gibt keine Fiktion. Die Ideenwelt aus der alle Autoren schöpfen, ist dieser Planet. Kein Schriftsteller war auf dem Mars. Fiktion heißt, dass man angibt sich etwas auszudenken, doch in Wirklichkeit guckt die Fratze des Autors hinter jeder Zeile hervor. Phantasien bestehen aus Realität und nicht aus Fiktion.

Wie lässt sich Ihre Arbeitsweise am ehesten beschreiben?

Ich fühle mich wie ein Koffer. Ich werde hin und her gereicht, vollgestopft mit irgendwelchen Geschichten. Die trage ich dann eine Weile und dann packe ich sie wieder aus. Ich werde im Grunde immer ein- und ausgepackt.

Ist es denn ein aufgeräumter Koffer?

Ja, es wird alles sehr ordentlich zueinander gelegt. Es ist ein gut gepackter Koffer. Aber früher, als ich noch jung war und wenig Geschichten hatte, als mein Koffer so halb leer war und alle Sachen immer hin und her rutschten, da war es ein bisschen chaotisch.

Sie lesen in fast 150 Städten pro Jahr, reisen mehr als die meisten ihrer Zunft. Was sind ihre Beweggründe?

Die Lesungen sind mein Job. Natürlich sind die Bücher sehr wichtig, weil dort geschrieben steht, was ich in all diesen Städten erzähle. Doch sie sind eher eine Nebenerscheinung. Meine Triebkraft ist Neugier. Ich muss die Geschichten sammeln, dazu brauche ich neue Eindrücke und neue Menschen.

Sie lesen nicht nur in großen Städten, sondern sind auch in der Provinz unterwegs. Auf Ihrem Lesetour-Plan liest man Namen wie Enningerloh oder die Grundschule Neubiberg. Was zieht den Stadtmenschen Kaminer immer wieder in ländliche Gefilde?

Sehr oft erweisen sich gerade große Städte als sehr provinziell. Kleine Städte hingegen zeigen häufig ein sehr eigenständiges Leben. Nicht alles was klein ist, ist gleich provinziell und nicht alles ist tatsächlich so groß wie es scheint. Ich hatte erst letzte Woche in Düsseldorf ein großes Problem nach 15 Uhr zu essen. Düsseldorfer essen nicht nach 15 Uhr.

Ist Darmstadt Provinz?

Ich habe von Darmstadt bisher zu wenig gesehen. Wir versinken dort ständig in diesem Club – dieser Centralstation. Das ist an sich schon fast wie eine Stadt. Da verliere ich mich immer zwischen diesen ganzen Bars und Räumlichkeiten.

Was wird besonders sein, wenn sie am 14. November in Darmstadt in der Centralstation sind?

Es wird eine Release-Party für unsere neue Platte »Ukraine do Amerika«. Die Platte ist unsere Antwort auf die Finanzkrise. Ganz viel neue Musik und viele Geschichten über den Kaukasus, weil wir dort bei der Schwiegermutter Urlaub gemacht haben.

Warum heißt die Platte »Ukraine do Amerika«?

Kaminer Deutschland ist kulturell ein sehr amerikanisiertes Land, fast schon ein Teil von Amerika. Deutschland wurde von Amerika sozialisiert. Inzwischen sehen wir, dass andere Länder, zum Bei­spiel die Ukraine, kulturell viel besser zu Deutschland passen. Die Ukrainer sind von der Mentalität her auch eher ordentlich deutsch drauf, aber sie haben viel lustigere Musik. Mit dieser Musik ha­ben wir vor, die ganze Centralstation platt zu klopfen.

Wladimir Kaminer über…

…Bier

Bier hat mich stark beeindruckt, als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam. Es gab hunderte Sorten in hunderten bunten Flaschen. Ich dachte dabei an Vielfalt. Heute denke ich dabei eher an Einfalt, weil ich weiß, dass in all diesen Flaschen im Grunde dasselbe Getränk ist. Durch das Reinheitsgebot schmeckt auch alles sehr ähnlich. Bier ist kapitalistischer Beschiss, etwas das vorgibt eine Freiheit zu sein. Doch die Wirklichkeit ist: Überall wo Bier drauf steht, ist auch nur Bier drin.

…Wodka

Wodka ist bei minus zwanzig Grad ein Erfrischungsgetränk. Man darf ihn natürlich nicht so trinken wie die Deutschen es machen. Die trinken Wodka warm und im Stehen. Sie kennen keine Trinksprüche und essen nichts dazu. Auf diese Weise werden sie zu schnell betrunken und fallen immer dann um, wenn es am interessantesten wird.
Die Russen haben da eine andere Einstellung.Man trinkt es aus kleinen Gläsern. Man muss das unbedingt auf Ex trinken und nicht auf Eis. Zum Wodka trinken braucht man eine gute Gesellschaft. Man braucht viel unterschiedliches Essen. Man braucht Geschichten, die man einander erzählt, man darf nicht einfach so trinken, man muss immer einen Toast aussprechen. Einen Toast, der die Menschen am Tisch vereint.

…Rotwein

Ich kenne sehr viele Literaten die von Rotwein irre geworden sind und nur noch Mist geschrieben haben. Für meine Landsleute wünsche ich mir einen Image-Wechsel: Sie sollen nicht mehr als Wodka-Russen anerkannt werden, sondern als Rotwein-Russen. Es gibt übrigens russischen Rotwein. In Georgien. Doch jetzt gibt es das Embargo mit Georgien und die Russen trinken eben chilenischen Rotwein.


Wladimir Kaminer
wurde 1967 in Moskau geboren. 1990 kam er ins frisch wieder vereinte Berlin. Er fand eine neue Heimat voller Geschichten. Festgehalten hat er seine scharfen Beobachtungen des Alltäglichen in zwölf Büchern. Sein Debut-Roman »Russendisko« und »Militärmusik« machten den Autor, DJ und Journalisten weit über die Landesgrenzen bekannt. Heute ist Kaminer einer der gefragtesten Russen Deutschlands; so gefragt, dass er auf seiner Website freundlich, aber entschieden, darauf hinweist: »Studenten, Wissenschaftler, Aspiranten und Journalisten, die ihre Diplomarbeiten, Reportagen und Referate zu den Themen »Russen in Deutschland« »Russische Emigration heute und früher« »Deutsche in Russland« »Nichtdeutsche Deutsche in Deutschland und anderswo« schreiben, werden hier nicht bedient. Richten sie ihre Fragen an die Zentrale für politische Bildung, Abteilung Multikulti.«

Stand-Up Poetry

Poetry Slam boomt. Zu den Slams im Rhein-Main-Gebiet kommen regelmäßig hunderte Besucher und auch das Fernsehen hat die Dichterschlachten längst als gehaltvolle Alternative zu schwächelnden Comedy-Formaten für sich entdeckt. Schleifen TV-Sendungen und steigende Publikumszahlen der rauen Kunstform die Kanten ab? Wir sprachen mit Kennern und Ku?nstlern u?ber eine Szene im Umbruch.

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Bis auf die Straße drängen sich die Menschen. Die Schlange vor dem KUZ in Mainz wird lang und länger, denn die Karten für den fünften Mainzer Poetry Slam sind heiß begehrt. Das Kulturzentrum wird an diesem Abend bis auf den letzten Platz besetzt sein. Seit dem ersten Dichterwettstreit im Dezember 2007 hat sich die Veranstaltung mit über 350 Besuchern zum größten monatlichen Slam der Region entwickelt.

Ein Boom im Verborgenen

Poetry Slam boomt – nicht nur in Mainz sondern in ganz Deutschland. Jedoch es ist ein sonderbarer Boom. Ein Boom im Verborgenen, irgendwo am Rande der Gesellschaft, abseits des medialen Fokus. „Poetry Slam führt ein Nischen-Dasein wie eine Unterkategorie von Indipendant-Musik“, versucht Boris Preckwitz das Phänomen zu erklären. Für die einen ist es das nächste große Ding – anderen ist Poetry Slam noch gänzlich unbekannt. Preckwitz ist ein Slammer der ersten Stunde und ein entscheidender Wegbereiter der deutschsprachigen Szene.

Er war dabei, als das Format Poetry Slam Ende der Neunziger aus den USA importiert wurde. 1986 hatte dort der Bauarbeiter Marc Kelly Smith in einem kleinen Club in Chicago den ersten Slam veranstaltet. Rock und Punk waren die Wurzeln der Bewegung und auf den Bühnen standen politische Minoritäten. Bei den Slams flogen Stühle, nicht selten gab es statt ausbleibendem Applaus und schlechter Wertungen gebrochene Nasen und wilde Schlägereien.

Heute fliegen zwar keine Stühle mehr, doch Poetry Slams ist noch immer rebellischer, experimenteller, überraschender als jedes etablierte Kleinkunstformat, als jede lauwarme Comedy-Show im Fernsehen. Auf einen urkomischen Vortrag über die eigene Großmutter mit Beatbox und Rap-Einlagen folgt ein verschrobenes Gedicht über den Sinn des Lebens; einem verkrampft vorgelesenen Text mit flachen pubertären Witzchen, grandiose Wortspielereien, die man der eigenen Muttersprache kaum zugetraut hätte. Lyrik, Kurzprosa, gereimt oder ungereimt – kein Abend gleicht dem anderen und das spricht sich herum: In Zeiten von You-Tube ist Mund-zu-Mund-Propaganda einer der Hauptgründe für die rasante Entwicklung der Slam-Kultur. Wer einmal dabei war, kommt wieder und bringt beim nächsten Mal gleich seine Kumpels mit. Die Verbindung zwischen Slammern und Publikum fasziniert. Direkt und gnadenlos ehrlich können die Zuschauer zeigen, wie der vorgetragene Text bei ihnen ankommt.
Poetry Slams sind die Lesungen für die Casting- Generation. Umjubelt werden vor allem humorvolle Texte. Platte Comedy setze sich immer häufiger gegen hochwertige, ernstahfte Lysrik oder Prosa durch, beobachtet Dr. Alexander Deppert alias Alex Dreppec. Er veranstaltet neben der berühmten Darmstädter Dichterschlacht, die über 1000 Besucher anlockt, auch mehrere kleine Slams in der Wissenschaftsstadt. „Ich habe das schon erlebt. Da möchte man weinen.“

Der 18-jährige Slammer Tilman Döring aus Darmstadt fordert, Witz müsse mit einer guten und interessanten Sprache verbunden werden, denn: „Lustige Texte sind wichtig und gehören zum Poetry Slam dazu.“ Jedoch: Selbst bei Texten, die als ernst angekündigt werden, wartet der Saal inzwischen minutenlang auf einen Gag. Bleibt dieser aus, vernimmt man nichts als irritiertes Schweigen. „Das Publikum will bis zum Erbrechen lachen,“ bedauert der Darmstädter.

Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege

Liegt es also an den Zuschauern, dass man manch einen Slam nicht mehr von einer Kabarettshow unterscheiden kann? Die Antwort wäre zu einfach: Das Format lässt es zu, dem Volk nach dem Mund zu schreiben.
Um dem entgegenzuwirken und nicht auf jeden Comedy-Mist reinzufallen müssten die Zuhörer ein kritisches Ohr entwickeln, sagt Boris Preckwitz. Doch häufig fallen sie rein. „Publikumsorientiertes Texten ist verlockend,“ gesteht Tilman Döring – auch er sei bereits ein zweimal unterlegen. Mit lautem Klatschen im Kopf, lässt sich nur schwer gegen den Strom schreiben. Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege. Siege bringen Bekanntheit. Bekanntheit bringt einen Slammer ins Fernsehen. Seit Februar 2007 zeigt der WDR am späten Sonntagabend den WDR Poetry Slam. Auch Alex Dreppec und Tilman Döring waren schon dabei. Im April diesen Jahres folgte die Sendung „Slam Palast“ – bezeichnenderweise auf dem Digital-Sender Sat 1 Comedy. „Nach der ‚Slam Tour mit Kuttner‘ zeigen wir ein weiteres Format im angesagten Genre Poetry-Comedy“, warb der Sender in einer Presseerklärung. Poetry-Comedy? Gibt es u?berhaupt noch einen Unterschied zwischen Poetry Slam und Stand-Up-Comedy?

„Selbst der lustigste Slam-Text hat noch einen Inhalt und genügt einem literarischen Mindestanspruch“, behauptet Sebastian Rabsahl, besser bekannt als Sebastian 23. Seine eigenen Texte seien zu 75 Prozent lustig, der Rest sei ernst.

Boris Preckwitz sieht den Schenkelklopfer-Trend kritischer. Der ehemalige Slammer, der sich inzwischen weitestgehend aus der Szene zurückgezogen hat, fürchtet um Kunst und Kultur: „Die Lacher werden zunehmend wichtiger als die Irritation.“ In der Tat wirkt die einstmals so anarchistische, wilde Kunst, die als Plattform diente, um soziale Ungerechtigkeiten und politische Missstände anzuprangern, heute wie das Magazin Neon in Versform. Probleme zwischen Frauen und Männern, Computer und Fäkalien sind die Themen, die junge Menschen zum Grölen bringen.
„Die Szenekultur wird zu Popkultur“, analysiert Preckwitz. Slams, bei denen man ohne Anmeldung seine Texte vortragen kann, sind zur Seltenheit geworden. Der Slam „13 Darmstädter Dichter“, den Alexander Deppert neben der großen Dichterschlacht ins Leben gerufen hat, um Poetry-Slam-Einsteigern in und um Darmstadt eine Bu?hne zu bieten, ist eine Ausnahme. Die ursprüngliche Kultur des offenen Mikrofons steht im Kontrast zur heutigen Professionalisierung des Poetry Slams.

Vom Untergrund zum Kassenschlager?

Wird die Untergrundkunst Poetry Slam zum kommerziellen Kassenschlager? Sebastian Rabsahl widerspricht: „Der Begriff „kommerziell“ wird gerne gebraucht, um kulturelle Strämungen, mit denen Geld verdient wird, zu brandmarken. Damit habe ich Schwierigkeiten. Natürlich ist es der Wunsch jedes Künstlers, von seiner Kunst zu leben. Und der Wunsch des Bäckers ist es, von seinem Brot zu leben. Dazu muss man es verkaufen. „L’art pour l’art“ – das halte ich für abwegigen Idealismus.“
Sebastian 23 gehört dem Lesezirkel von Poeten an, das quer durch die Republik von Slam zu Slam reist. „Zwischen gelebtem Traum und Besessenheit“ steht er fast jeden Abend als Solo-Slammer oder mit seiner Gruppe SMAAT, dem Gewinnerteam der deutschsprachigen Poetry-Meisterschaften 2007, auf der Bühne. Inzwischen können Slammer wie er tatsächlich mit Poetry ihre Brötchen  verdienen. Doch den wenigsten gelingt das. Um die besten Slammer in seine Poetry Slam Show zu locken, zahlt der WDR bis zu 300 Euro – bei normalen Slams bekommen die Poeten in der Regel höchstens die Fahrtkosten erstattet. „Auf den Slammer in Goldketten und Ferrari warte ich immer noch“, witzelt Rabsahl. Die meisten Slammer werden wohl auch künftig ihren Broterwerb mit einem anderen Handwerk bestreiten müssen.

Doch auch ohne Goldketten und Ferrari – der Ruhm verändert den Charakter des Poetry Slams. Sollte er eines Tages tatsächlich zur Popkultur geworden sein, unterliegt er auch ihren Regeln: Ein Rohdiamant wird nach oben gespült, bis er zum weichen Handschmeichler wird. Und wenn ihn dann alle mal gestreichelt haben, fällt er schneller als ein Kieselstein.