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	<title>unterdrei &#187; Kultur</title>
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	<description>Von 2007 bis 2009 war dies das gemeinsame Blog und Portfolio dreier Online-Journalismus-Studenten zu Netz, Print und Crossmedia.</description>
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		<title>Ich f&#252;hle mich wie ein Koffer</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Oct 2008 18:30:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tobias</dc:creator>
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		<category><![CDATA[darmspiegel]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<description><![CDATA[Am 14. November m&#252;ssen die Wodka-Vorr&#228;te Darmstadts aufgestockt werden. Auf seiner Lesung und der anschlie&#223;enden Release-Party der neuen Russendisko-Compilation verspricht Wladimir Kaminer, die ganze Centralstation platt zu klopfen. Warum er nie einen fiktionalen Roman schreiben wird und Bier kapitalistischer Beschiss ist, verr&#228;t der Autor im Gespr&#228;ch mit dem darmspiegel Herr Kaminer, in einem Spiegel-Interview haben [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Am 14. November m&#252;ssen die Wodka-Vorr&#228;te Darmstadts aufgestockt werden. Auf seiner Lesung und der anschlie&#223;enden Release-Party der neuen Russendisko-Compilation verspricht Wladimir Kaminer, die ganze Centralstation platt zu klopfen. Warum er nie einen fiktionalen Roman schreiben wird und Bier kapitalistischer Beschiss ist, verr&#228;t der Autor im Gespr&#228;ch mit dem darmspiegel </em></p>
<p><a href="http://unterdrei.net/blog/wp-content/uploads/2009/08/tobias-reitz-kaminer.png"><img class="alignleft size-large wp-image-346" title="kaminer" src="http://unterdrei.net/blog/wp-content/uploads/2009/08/kaminer-1024x666.png" alt="kaminer" width="579" height="376" /></a></p>
<p><strong>Herr Kaminer, in einem Spiegel-Interview haben Sie gesagt, dass sie pro Woche nur eine DIN-A4-Seite zu Papier bringen. Trotzdem haben Sie in den vergangenen acht Jahren zw&#246;lf B&#252;cher ver&#246;ffentlicht. Die Rechnung geht nicht ganz auf, oder?</strong></p>
<p>Kaminer Russendisko ist im Jahre 2000 erschienen. Das waren Texte, die ich 1998 und 1999 geschrieben habe. Au&#223;erdem geht die Rechnung sehr wohl auf: Ein DIN-A4-Blatt mit zw&#246;lfer Schrift sind 4.500 Zeichen, das sind drei Buchseiten. 53 Wochen im Jahr mal 4.500 Zeichen, das macht 250.000 Zeichen. Das sind anderthalb B&#252;cher. Das geht schon irgendwie.</p>
<p><strong>Die alten Notizen sind nun alle verschrieben. Wird es in Zukunft weniger B&#252;cher geben? </strong></p>
<p>Kaminer Ich arbeite nicht am Flie&#223;band. Mein Hauptanliegen ist nicht, eine bestimmte Anzahl von Zeichen zu produzieren. Man kann eine solche Art von Lebensforschung, wie ich sie betreibe, kaum beschleunigen oder – umgekehrt – bremsen. Entweder es passiert etwas, was mich zur Reflexion oder zum Nachdenken bewegt, oder es passiert nichts. Und dann wird auch nichts geschrieben. Das schlimmste was einem Geschichtensammler passieren kann ist, dass er anf&#228;ngt, sich seine Geschichten aus der Nase zu ziehen.</p>
<p><strong>Wird es also jemals ein Buch von Ihnen geben, in dem es nicht um Ihre Frau, Ihre Kinder, Ihre Eltern und die Leute, die sie umgeben geht, sondern in dem Sie eine fiktive Geschichte erz&#228;hlen?</strong></p>
<p>Kaminer Woher soll die Fiktion kommen? Fiktion ist ein absurder Begriff. Es gibt keine Fiktion. Die Ideenwelt aus der alle Autoren sch&#246;pfen, ist dieser Planet. Kein Schriftsteller war auf dem Mars. Fiktion hei&#223;t, dass man angibt sich etwas auszudenken, doch in Wirklichkeit guckt die Fratze des Autors hinter jeder Zeile hervor. Phantasien bestehen aus Realit&#228;t und nicht aus Fiktion.</p>
<p><strong>Wie l&#228;sst sich Ihre Arbeitsweise am ehesten beschreiben?</strong></p>
<p>Ich f&#252;hle mich wie ein Koffer. Ich werde hin und her gereicht, vollgestopft mit irgendwelchen Geschichten. Die trage ich dann eine Weile und dann packe ich sie wieder aus. Ich werde im Grunde immer ein- und ausgepackt.</p>
<p><strong>Ist es denn ein aufger&#228;umter Koffer?</strong></p>
<p>Ja, es wird alles sehr ordentlich zueinander gelegt. Es ist ein gut gepackter Koffer. Aber fr&#252;her, als ich noch jung war und wenig Geschichten hatte, als mein Koffer so halb leer war und alle Sachen immer hin und her rutschten, da war es ein bisschen chaotisch.</p>
<p><strong>Sie lesen in fast 150 St&#228;dten pro Jahr, reisen mehr als die meisten ihrer Zunft. Was sind ihre Beweggr&#252;nde? </strong></p>
<p>Die Lesungen sind mein Job. Nat&#252;rlich sind die B&#252;cher sehr wichtig, weil dort geschrieben steht, was ich in all diesen St&#228;dten erz&#228;hle. Doch sie sind eher eine Nebenerscheinung. Meine Triebkraft ist Neugier. Ich muss die Geschichten sammeln, dazu brauche ich neue Eindr&#252;cke und neue Menschen.</p>
<p><strong>Sie lesen nicht nur in gro&#223;en St&#228;dten, sondern sind auch in der Provinz unterwegs. Auf Ihrem Lesetour-Plan liest man Namen wie Enningerloh oder die Grundschule Neubiberg. Was zieht den Stadtmenschen Kaminer immer wieder in l&#228;ndliche Gefilde?</strong></p>
<p>Sehr oft erweisen sich gerade gro&#223;e St&#228;dte als sehr provinziell. Kleine St&#228;dte hingegen zeigen h&#228;ufig ein sehr eigenst&#228;ndiges Leben. Nicht alles was klein ist, ist gleich provinziell und nicht alles ist tats&#228;chlich so gro&#223; wie es scheint. Ich hatte erst letzte Woche in D&#252;sseldorf ein gro&#223;es Problem nach 15 Uhr zu essen. D&#252;sseldorfer essen nicht nach 15 Uhr.</p>
<p><strong>Ist Darmstadt Provinz?</strong></p>
<p>Ich habe von Darmstadt bisher zu wenig gesehen. Wir versinken dort st&#228;ndig in diesem Club – dieser Centralstation. Das ist an sich schon fast wie eine Stadt. Da verliere ich mich immer zwischen diesen ganzen Bars und R&#228;umlichkeiten.</p>
<p><strong>Was wird besonders sein, wenn sie am 14. November in Darmstadt in der Centralstation sind?</strong></p>
<p>Es wird eine Release-Party f&#252;r unsere neue Platte »Ukraine do Amerika«. Die Platte ist unsere Antwort auf die Finanzkrise. Ganz viel neue Musik und viele Geschichten &#252;ber den Kaukasus, weil wir dort bei der Schwiegermutter Urlaub gemacht haben.</p>
<p><strong>Warum hei&#223;t die Platte »Ukraine do Amerika«?</strong></p>
<p>Kaminer Deutschland ist kulturell ein sehr amerikanisiertes Land, fast schon ein Teil von Amerika. Deutschland wurde von Amerika sozialisiert. Inzwischen sehen wir, dass andere L&#228;nder, zum Bei­spiel die Ukraine, kulturell viel besser zu Deutschland passen. Die Ukrainer sind von der Mentalit&#228;t her auch eher ordentlich deutsch drauf, aber sie haben viel lustigere Musik. Mit dieser Musik ha­ben wir vor, die ganze Centralstation platt zu klopfen.<br />
<strong> </strong></p>
<p><strong>Wladimir Kaminer &#252;ber&#8230;</strong></p>
<p><strong>&#8230;Bier</strong></p>
<p>Bier hat mich stark beeindruckt, als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam. Es gab hunderte Sorten in hunderten bunten Flaschen. Ich dachte dabei an Vielfalt. Heute denke ich dabei eher an Einfalt, weil ich wei&#223;, dass in all diesen Flaschen im Grunde dasselbe Getr&#228;nk ist. Durch das Reinheitsgebot schmeckt auch alles sehr &#228;hnlich. Bier ist kapitalistischer Beschiss, etwas das vorgibt eine Freiheit zu sein. Doch die Wirklichkeit ist: &#220;berall wo Bier drauf steht, ist auch nur Bier drin.<br />
<strong><br />
&#8230;Wodka</strong></p>
<p>Wodka ist bei minus zwanzig Grad ein Erfrischungsgetr&#228;nk. Man darf ihn nat&#252;rlich nicht so trinken wie die Deutschen es machen. Die trinken Wodka warm und im Stehen. Sie kennen keine Trinkspr&#252;che und essen nichts dazu. Auf diese Weise werden sie zu schnell betrunken und fallen immer dann um, wenn es am interessantesten wird.<br />
Die Russen haben da eine andere Einstellung.Man trinkt es aus kleinen Gl&#228;sern. Man muss das unbedingt auf Ex trinken und nicht auf Eis. Zum Wodka trinken braucht man eine gute Gesellschaft. Man braucht viel unterschiedliches Essen. Man braucht Geschichten, die man einander erz&#228;hlt, man darf nicht einfach so trinken, man muss immer einen Toast aussprechen. Einen Toast, der die Menschen am Tisch vereint.</p>
<p><strong>&#8230;Rotwein</strong></p>
<p>Ich kenne sehr viele Literaten die von Rotwein irre geworden sind und nur noch Mist geschrieben haben. F&#252;r meine Landsleute w&#252;nsche ich mir einen Image-Wechsel: Sie sollen nicht mehr als Wodka-Russen anerkannt werden, sondern als Rotwein-Russen. Es gibt &#252;brigens russischen Rotwein. In Georgien. Doch jetzt gibt es das Embargo mit Georgien und die Russen trinken eben chilenischen Rotwein.</p>
<p><strong><br />
Wladimir Kaminer </strong>wurde 1967 in Moskau geboren. 1990 kam er ins frisch wieder vereinte Berlin. Er fand eine neue Heimat voller Geschichten. Festgehalten hat er seine scharfen Beobachtungen des Allt&#228;glichen in zw&#246;lf B&#252;chern. Sein Debut-Roman »Russendisko« und »Milit&#228;rmusik« machten den Autor, DJ und Journalisten weit &#252;ber die Landesgrenzen bekannt. Heute ist Kaminer einer der gefragtesten Russen Deutschlands; so gefragt, dass er auf seiner Website freundlich, aber entschieden, darauf hinweist: »Studenten, Wissenschaftler, Aspiranten und Journalisten, die ihre Diplomarbeiten, Reportagen und Referate zu den Themen »Russen in Deutschland« »Russische Emigration heute und fr&#252;her« »Deutsche in Russland« »Nichtdeutsche Deutsche in Deutschland und anderswo« schreiben, werden hier nicht bedient. Richten sie ihre Fragen an die Zentrale f&#252;r politische Bildung, Abteilung Multikulti.«</p>
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		<title>Stand-Up Poetry</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jun 2008 19:00:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tobias</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Poetry Slam boomt. Zu den Slams im Rhein-Main-Gebiet kommen regelm&#228;&#223;ig hunderte Besucher und auch das Fernsehen hat die Dichterschlachten l&#228;ngst als gehaltvolle Alternative zu schw&#228;chelnden Comedy-Formaten f&#252;r sich entdeckt. Schleifen TV-Sendungen und steigende Publikumszahlen der rauen Kunstform die Kanten ab? Wir sprachen mit Kennern und Ku?nstlern u?ber eine Szene im Umbruch. Bis auf die Stra&#223;e [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Poetry Slam boomt. Zu den Slams im Rhein-Main-Gebiet kommen regelm&#228;&#223;ig hunderte Besucher und auch das Fernsehen hat die Dichterschlachten l&#228;ngst als gehaltvolle Alternative zu schw&#228;chelnden Comedy-Formaten f&#252;r sich entdeckt. Schleifen TV-Sendungen und steigende Publikumszahlen der rauen Kunstform die Kanten ab? Wir sprachen mit Kennern und Ku?nstlern u?ber eine Szene im Umbruch.</em></p>
<p><a href="http://unterdrei.net/blog/wp-content/uploads/2009/08/tobias-reitz-poetryslam.png"><img class="alignleft size-large wp-image-298" title="poetry" src="http://unterdrei.net/blog/wp-content/uploads/2009/08/poetry-1024x769.png" alt="poetry" width="580" height="435" /></a></p>
<p>Bis auf die Stra&#223;e dr&#228;ngen sich die Menschen. Die Schlange vor dem KUZ in Mainz wird lang und l&#228;nger, denn die Karten f&#252;r den f&#252;nften Mainzer Poetry Slam sind hei&#223; begehrt. Das Kulturzentrum wird an diesem Abend bis auf den letzten Platz besetzt sein. Seit dem ersten Dichterwettstreit im Dezember 2007 hat sich die Veranstaltung mit &#252;ber 350 Besuchern zum gr&#246;&#223;ten monatlichen Slam der Region entwickelt.</p>
<p><strong>Ein Boom im Verborgenen</strong></p>
<p>Poetry Slam boomt – nicht nur in Mainz sondern in ganz Deutschland. Jedoch es ist ein sonderbarer Boom. Ein Boom im Verborgenen, irgendwo am Rande der Gesellschaft, abseits des medialen Fokus. „Poetry Slam f&#252;hrt ein Nischen-Dasein wie eine Unterkategorie von Indipendant-Musik“, versucht Boris Preckwitz das Ph&#228;nomen zu erkl&#228;ren. F&#252;r die einen ist es das n&#228;chste gro&#223;e Ding – anderen ist Poetry Slam noch g&#228;nzlich unbekannt. Preckwitz ist ein Slammer der ersten Stunde und ein entscheidender Wegbereiter der deutschsprachigen Szene.</p>
<p>Er war dabei, als das Format Poetry Slam Ende der Neunziger aus den USA importiert wurde. 1986 hatte dort der Bauarbeiter Marc Kelly Smith in einem kleinen Club in Chicago den ersten Slam veranstaltet. Rock und Punk waren die Wurzeln der Bewegung und auf den B&#252;hnen standen politische Minorit&#228;ten. Bei den Slams flogen St&#252;hle, nicht selten gab es statt ausbleibendem Applaus und schlechter Wertungen gebrochene Nasen und wilde Schl&#228;gereien.</p>
<p>Heute fliegen zwar keine St&#252;hle mehr, doch Poetry Slams ist noch immer rebellischer, experimenteller, &#252;berraschender als jedes etablierte Kleinkunstformat, als jede lauwarme Comedy-Show im Fernsehen. Auf einen urkomischen Vortrag &#252;ber die eigene Gro&#223;mutter mit Beatbox und Rap-Einlagen folgt ein verschrobenes Gedicht &#252;ber den Sinn des Lebens; einem verkrampft vorgelesenen Text mit flachen pubert&#228;ren Witzchen, grandiose Wortspielereien, die man der eigenen Muttersprache kaum zugetraut h&#228;tte. Lyrik, Kurzprosa, gereimt oder ungereimt – kein Abend gleicht dem anderen und das spricht sich herum: In Zeiten von You-Tube ist Mund-zu-Mund-Propaganda einer der Hauptgr&#252;nde f&#252;r die rasante Entwicklung der Slam-Kultur. Wer einmal dabei war, kommt wieder und bringt beim n&#228;chsten Mal gleich seine Kumpels mit. Die Verbindung zwischen Slammern und Publikum fasziniert. Direkt und gnadenlos ehrlich k&#246;nnen die Zuschauer zeigen, wie der vorgetragene Text bei ihnen ankommt.<br />
Poetry Slams sind die Lesungen f&#252;r die Casting- Generation. Umjubelt werden vor allem humorvolle Texte. Platte Comedy setze sich immer h&#228;ufiger gegen hochwertige, ernstahfte Lysrik oder Prosa durch, beobachtet Dr. Alexander Deppert alias Alex Dreppec. Er veranstaltet neben der ber&#252;hmten Darmst&#228;dter Dichterschlacht, die &#252;ber 1000 Besucher anlockt, auch mehrere kleine Slams in der Wissenschaftsstadt. „Ich habe das schon erlebt. Da m&#246;chte man weinen.“</p>
<p>Der 18-j&#228;hrige Slammer Tilman D&#246;ring aus Darmstadt fordert, Witz m&#252;sse mit einer guten und interessanten Sprache verbunden werden, denn: „Lustige Texte sind wichtig und geh&#246;ren zum Poetry Slam dazu.“ Jedoch: Selbst bei Texten, die als ernst angek&#252;ndigt werden, wartet der Saal inzwischen minutenlang auf einen Gag. Bleibt dieser aus, vernimmt man nichts als irritiertes Schweigen. „Das Publikum will bis zum Erbrechen lachen,“ bedauert der Darmst&#228;dter.</p>
<p><strong>Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege</strong></p>
<p>Liegt es also an den Zuschauern, dass man manch einen Slam nicht mehr von einer Kabarettshow unterscheiden kann? Die Antwort w&#228;re zu einfach: Das Format l&#228;sst es zu, dem Volk nach dem Mund zu schreiben.<br />
Um dem entgegenzuwirken und nicht auf jeden Comedy-Mist reinzufallen m&#252;ssten die Zuh&#246;rer ein kritisches Ohr entwickeln, sagt Boris Preckwitz. Doch h&#228;ufig fallen sie rein. „Publikumsorientiertes Texten ist verlockend,“ gesteht Tilman D&#246;ring – auch er sei bereits ein zweimal unterlegen. Mit lautem Klatschen im Kopf, l&#228;sst sich nur schwer gegen den Strom schreiben. Lacher bringen Applaus. Applaus bringt Siege. Siege bringen Bekanntheit. Bekanntheit bringt einen Slammer ins Fernsehen. Seit Februar 2007 zeigt der WDR am sp&#228;ten Sonntagabend den WDR Poetry Slam. Auch Alex Dreppec und Tilman D&#246;ring waren schon dabei. Im April diesen Jahres folgte die Sendung „Slam Palast“ – bezeichnenderweise auf dem Digital-Sender Sat 1 Comedy. „Nach der ‚Slam Tour mit Kuttner‘ zeigen wir ein weiteres Format im angesagten Genre Poetry-Comedy“, warb der Sender in einer Presseerkl&#228;rung. Poetry-Comedy? Gibt es u?berhaupt noch einen Unterschied zwischen Poetry Slam und Stand-Up-Comedy?</p>
<p>„Selbst der lustigste Slam-Text hat noch einen Inhalt und gen&#252;gt einem literarischen Mindestanspruch“, behauptet Sebastian Rabsahl, besser bekannt als Sebastian 23. Seine eigenen Texte seien zu 75 Prozent lustig, der Rest sei ernst.</p>
<p>Boris Preckwitz sieht den Schenkelklopfer-Trend kritischer. Der ehemalige Slammer, der sich inzwischen weitestgehend aus der Szene zur&#252;ckgezogen hat, f&#252;rchtet um Kunst und Kultur: „Die Lacher werden zunehmend wichtiger als die Irritation.“ In der Tat wirkt die einstmals so anarchistische, wilde Kunst, die als Plattform diente, um soziale Ungerechtigkeiten und politische Missst&#228;nde anzuprangern, heute wie das Magazin Neon in Versform. Probleme zwischen Frauen und M&#228;nnern, Computer und F&#228;kalien sind die Themen, die junge Menschen zum Gr&#246;len bringen.<br />
„Die Szenekultur wird zu Popkultur“, analysiert Preckwitz. Slams, bei denen man ohne Anmeldung seine Texte vortragen kann, sind zur Seltenheit geworden. Der Slam „13 Darmst&#228;dter Dichter“, den Alexander Deppert neben der gro&#223;en Dichterschlacht ins Leben gerufen hat, um Poetry-Slam-Einsteigern in und um Darmstadt eine Bu?hne zu bieten, ist eine Ausnahme. Die urspr&#252;ngliche Kultur des offenen Mikrofons steht im Kontrast zur heutigen Professionalisierung des Poetry Slams.</p>
<p><strong>Vom Untergrund zum Kassenschlager?</strong></p>
<p>Wird die Untergrundkunst Poetry Slam zum kommerziellen Kassenschlager? Sebastian Rabsahl widerspricht: „Der Begriff „kommerziell“ wird gerne gebraucht, um kulturelle Str&#228;mungen, mit denen Geld verdient wird, zu brandmarken. Damit habe ich Schwierigkeiten. Nat&#252;rlich ist es der Wunsch jedes K&#252;nstlers, von seiner Kunst zu leben. Und der Wunsch des B&#228;ckers ist es, von seinem Brot zu leben. Dazu muss man es verkaufen. „L’art pour l’art“ – das halte ich f&#252;r abwegigen Idealismus.“<br />
Sebastian 23 geh&#246;rt dem Lesezirkel von Poeten an, das quer durch die Republik von Slam zu Slam reist. „Zwischen gelebtem Traum und Besessenheit“ steht er fast jeden Abend als Solo-Slammer oder mit seiner Gruppe SMAAT, dem Gewinnerteam der deutschsprachigen Poetry-Meisterschaften 2007, auf der B&#252;hne. Inzwischen k&#246;nnen Slammer wie er tats&#228;chlich mit Poetry ihre Br&#246;tchen  verdienen. Doch den wenigsten gelingt das. Um die besten Slammer in seine Poetry Slam Show zu locken, zahlt der WDR bis zu 300 Euro &#8211; bei normalen Slams bekommen die Poeten in der Regel h&#246;chstens die Fahrtkosten erstattet. „Auf den Slammer in Goldketten und Ferrari warte ich immer noch“, witzelt Rabsahl. Die meisten Slammer werden wohl auch k&#252;nftig ihren Broterwerb mit einem anderen Handwerk bestreiten m&#252;ssen.</p>
<p>Doch auch ohne Goldketten und Ferrari &#8211; der Ruhm ver&#228;ndert den Charakter des Poetry Slams. Sollte er eines Tages tats&#228;chlich zur Popkultur geworden sein, unterliegt er auch ihren Regeln: Ein Rohdiamant wird nach oben gesp&#252;lt, bis er zum weichen Handschmeichler wird. Und wenn ihn dann alle mal gestreichelt haben, f&#228;llt er schneller als ein Kieselstein.</p>
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