Dunkel war’s, die Stadt schien helle

20090802_darmstadtsdach-9579Als die Darmstädter Kulturgesellschaft an diesem winterlichen Abend nach einer Galavorstellung das Theater verlässt, schaut sie auf etwas nie zuvor Gewesenes. Doch ist nicht besonders was – sondern dass sie sieht. Darmstadts Zentrum scheint lichtdurchflutet, so hell war es noch nie. Im „klarsten, fast tageshellen Licht“ erstrahlen Theater- und Paradeplatz, der Markt und die Rheinstraße. Am Portal des Theaters erglänzen „die grandiosen Namenszüge Ihrer Königlichen Hoheit des Großherzogs und der Großherzogin mit der Krone in prachtvollen Gasflammen“, schreibt das Darmstädter Tagblatt. Es ist der 14. März 1855. Bis dahin leuchteten Petroleumlampen über öffentlichen Plätzen, Brunnen und Straßen. Jetzt aber sind es 220 Gaslaternen – pünktlich zum Namenstag der Großherzogin Mathilde. Im 21. Jahrhundert ist das längst kein Grund zum Feiern mehr. Gut 15 000 Lampen erhellen heute die Nacht, von Wixhausen bis Eberstadt. Doch das Licht ist getrübt. Die wenigsten haben bisher erkannt, dass die Nacht schon lange nicht mehr Nacht ist. Diejenigen, die es bemerkt haben, sprechen längst von Lichtverschmutzung. Gemeint ist die Verunreinigung durch Licht, und nicht etwa des Lichtes selbst.

Total verstrahlt
An manchen Stellen ist Darmstadt so sehr erleuchtet, dass man nicht einmal mehr die Sterne erkennt. „Wer heute noch die Milchstraße sehen will, muss raus aus der Stadt“, sagt Gunnar Glitscher von der Arbeitsgemeinschaft Astronomie und Weltraumtechnik Darmstadt. Seit Ende der 60 er Jahre schaut Glitscher schon in den Nachthimmel. Die Situation in Großstädten war für Amateur-Astronomen wie ihn schon früher nicht sehr gut. Mit neu angelegten Baugebieten und der Ausleuchtung jedes noch so kleinen Weges wurde die Lage immer gravierender. Zum Sterneschauen gehen Glitscher und seine Vereinsfreunde bis weit vor die Tore der Stadt, auf den Wiesenparkplatz des Mühltalbads in Eberstadt. Vollkommene Dunkelheit herrscht aber selbst hier nicht: „Die Stadtbeleuchtung aus Darmstadt strahlt herüber“, sagt Glitscher. „Wenn man nach Norden schaut, ist der Himmel schrecklich hell. Im Süden, in Richtung Odenwald, ist es viel dunkler.“ Dabei ließe sich ein Großteil der falschen Beleuchtung verhindern. „Die meisten Straßenlampen strahlen auch seitlich und nach oben hin ab. Dort fängt sich das Licht in Partikeln der Atmosphäre und wird zur Erde zurück geschickt“, erklärt Glitscher. Fahrlässig seien jene Bodenleuchten, die vorzugsweise Bäume von unten anstrahlen – bei fehlendem Laub im Herbst und Winter schießt das Licht direkt in den Himmel.

Der weiße Tod
Doch nicht allein der Ausfallwinkel des Lichts ist das Problem. „Licht ist nicht gleich Licht“, weiß Sibylle Winkel, Biologin beim Naturschutzbund Hessen. Schon Mitte der 90er Jahre hat sie sich für eine umweltfreundliche Außenbeleuchtung eingesetzt. Ihr geht es vornehmlich um den Schutz nachtaktiver Insekten: „Es kommt auf den Spektralbereich an. Die Wahrnehmung von Insekten geht weit über die des Menschen hinaus, Insekten können auch lang- und kurzwelliges Licht sehr gut erkennen.“
Die größte Todesfalle: die Quecksilberdampfhochdrucklampe. Genauso monströs wie ihr Name ist auch ihre Auswirkung auf die Tiere. Im grellweißen Licht sterben laut einer Studie der Universität
Mainz in einer einzigen Sommernacht rund 150 Insekten – an nur einer Leuchte. Keine Lösung, aber eine Verbesserung, seien Natriumdampflampen. Mit ihrem typischen gelben Licht fordern sie über 60 Prozent weniger Opfer. Biologin Winkel hat den Einsatz der Natriumlampen in ihrer finanziell stets klammen Heimatstadt Offenbach noch mit einem anderen Argument durchgesetzt: „Nicht nur die Umweltschädlichkeit geht zurück – auch die Energieausbeute steigt.“

Quecksilbrige Stromfresser
„Wir haben schon mehr als die Hälfte der Lampen ausgetauscht, 3800Quecksilberlampen gibt es noch“, sagt Peter Funk, technischer Angestellter beim hiesigen Tiefbauamt. Funk und seine Kollegen sind sensibilisiert für das Thema Lichtverschmutzung und wissen: „Nicht jeder gestalterische Wille ist auch effizient.“ So würden Bodenstrahler sparsam eingesetzt und etwa im Herrngarten nur zu besonderen Anlässen wie dem Heinerfest eingeschaltet. Gesetzliche Vorgaben gibt es keine: „Das machen wir uns selbst zur Auflage.“ Die öffentliche Beleuchtung kostet die Stadt Darmstadt 17 Euro pro Jahr und Lampe an Strom- und Wartungskosten. Hochgerechnet sind das 255 000 Euro für die 15 000 Lampen im gesamten Stadtgebiet. Deutschlandweit macht die Beleuchtung von Straßen, Plätzen und Brücken zehn Prozent des gesamten Stromverbrauchs in der Republik aus.
Doch selbst Natriumdampflampen sind technisch bereits überholt. Die Zukunft wird in Arheilgen getestet. Dort hat der Fachbereich Lichttechnik der Technischen Universität die Grillparzerstraße mit verschiedenen LED-Lampen bestückt. Neben dem Energieverbrauch interessiert die Forscher auch das Ambiente der neuartigen Lampen.„Alle Probanden, vor allem aber ältere Personen, empfinden die LEDLampen als angenehmer“, sagt Diplomingenieur Christoph Schiller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich. Schon im Jahr 2012 solle die LED-Technik auf Deutschlands Straßen ankommen. Spätestens im Jahr 2015 müssen die Kommunen den Quecksilberlampen ohnehin abgesagt haben. So will es eine EU-Richtlinie.

Beamer in the Sky
Nicht betroffen von den Auflagen aus Brüssel sind jene Lichtgespenster, die man häufig auf Discos sieht: Skybeamer. Ihr Lichtkegel hat eine Reichweite von bis zu 40 Kilometern, vor allem für Zugvögel eine Gefahr. „Weil im Herbst das Licht der Skybeamer über ihnen an der Wolkendecke reflektiert, verlieren die Vögel ihre Orientierung“, sagt Biologin Winkel. Zur Jahrtausendwende erreichte sie ein freiwilliges Abkommen zwischen dem hessischen Umweltministerium und dem Gaststätten- und Hotelverband, die Skybeamer zumindest in den Hauptzeiten des Vogelzugs – Oktober und November – abzuschalten.
Einen weitaus rigoroseren Weg ging vor einigen Jahren der Darmstädter Raumfahrtingenieur und Amateurastronom Rainer Kresken. Er klagte gegen den Einsatz von Skybeamern vor Gericht: „Skybeamer sind Werbeanlagen – und da gibt es genaue Vorschriften“, sagt Kresken und erreichte so das Aus einer Scheinwerferanlage im Odenwald. Doch für Kresken ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein: „Innerhalb Darmstadts kann man kaum noch gescheite Beobachtungen machen.“ So habe er sich gar nicht erst den Astronomen auf der Ludwigshöhe zugewandt, sondern fahre für seine Beobachtungen zur Starkenburg-Sternwarte Heppenheim, deren Vorsitzender er mittlerweile ist.

Doch was tun?
Das Licht der gesamten Stadt abschalten? Schon einmal haben Darmstadts Bürger so ihrem Protest gegen die Beleuchtung Ausdruck verliehen: Im Februar 1928 führte die Darmstädter Geschäftswelt einen Lichtstreik durch und schaltete sämtliche nichtöffentliche Beleuchtung aus – damals aber gegen die unzulängliche Straßenbeleuchtung und für mehr Licht in Darmstadts Zentrum. Gunnar Glitscher würde das gerne wiederholen, allein um in der Bevölkerung ein Bewusstsein für das Zuviel an Licht zu schaffen. Er plant indes, eigens einen Verein zu gründen und im Rahmen von Nachtbegehungen auf schlechtes oder gar unnützes Licht aufmerksam zu machen: „Die Beleuchtung am Langen Ludwig ist ja romantisch – aber 80 Prozent gehen einfach in den Himmel. Das könnte man doch besser machen.“