Wo befindet sich die grauenhafteste Textabsonderungsstelle? Dr. Michael Meissner weiß es: Bei der Pressestelle der Linken.
Solche Aussagen lassen mich aufhorchen an diesem Wochenende. Als am Freitag ein Dozent zugab, dass er außer für die Linken auch für andere Parteien arbeitet, wurde er mit Blicken gelyncht getadelt. Nicht so bei diesem Herrn. Er ist Dozent für Theorie und Praxis der Presse an der FU Berlin. Da haben die Genossen schon ein bisschen mehr Respekt.
Redigieren von Texten und Pressemitteilungen. Das wollen wir lernen – soweit das in zwei Stunden zu schaffen ist.
Bevor wir aber zum praktischen Teil (Üben anhand einer Pressemitteilung der Linken) übergehen, gibt es einen längeren aber durchaus kurzweiligen Vortrag zur Theorie. Da deckt sich vieles mit dem, was wir im ersten Semester in der Textwerkstatt gelernt haben.
A propos Textwerkstatt: Meissner erzählt, in seinem Institut gebe es für die praktischen Übungen keine Noten. Das sei genau so schwachsinnig wie Noten im Deutschunterricht.
„Meine Studenten kennen nicht einmal mehr den Unterschied zwischen anscheinend und scheinbar“, spricht’s und schaut in betretene Gesichter. Das Ganze erinnert mich an eine Mischung aus Wolf Schneider und Bastian Sick. Moment, sagte ich Schneider?
Ein einziges Buch könne er empfehlen, ansonsten sei der Mann ein Gesinnungslump, ein Faschist im Tarnanzug. „Aber der ist ja schon über 80. Die biologische Endlösung kommt gewiss, wie ich immer sage.“
Das Zeilengeld ansprechend führt er das mir bislang unbekannte Wort „unkürzbar“ ein. Seine Theorie klingt kalt aber realistisch: Ein geschickter Freier schreibt so, dass sein Text unkürzbar ist. Er sei darin immer Meister gewesen.
Es bleibt ein fachlich korrekter Vortrag und ein Dozent, der für gute verständliche Schreibe wirbt.
Am Ende wirbt Meissner dann noch für etwas anderes: Für Meissner. Der sei jederzeit zu buchen, schreibe Weblog und koste Parteifreunde nur 200 Euro plus Reisekosten.
Achja. Eins noch: Webseiten gestalten kann er auch (sagt er).
Die Medienakademie neigt sich dem Ende zu. Es wird Zeit, die geschätzte Leserschaft unserer kleinen Publikationsplattform auf den neusten Stand zu bringen. Von links nach rechts:
Am Freitag verbringen wir den Abend auf dem Friedrichshainer Kiez . Der Kommunismus zieht sich wie ein roter (!) Faden durch das Wochenende und so landen wir in der Kneipe „Die Tagung“, in der wir uns Roter Oktober schmecken lassen. Ein Bier, passend beworben mit dem Slogan: „Heute schon Genossen?“.
Am Samstag spielen Kersten und ich Touristen. Vor dem verkehrstechnischen Supergau am Montag, nutzen wir die öffentlichen Verkehrsmittel und fahren mit der S-Bahn zum Alexanderplatz, wo mit dem großen Türmsche, der erste Haken auf dem Touristen-Stadtplan gemacht werden kann. Wir laufen am Roten Rathaus vorbei zum Denkmal von Marx und Engels. Es erscheint uns passend in diesen Tagen. Der „selektive Rückbau“ das Palazzo Prozzo beeindruckt wenig, dafür umso mehr die Trabi-Safari. Viele kleine Trabis tuckern wie an einer Perlenkette durch die Hauptstadt, die ostalgischen Touristen auf die Rückbank gezwängt. Wie authentisch werden sich die beiden korpulenten Damen gedacht haben, als der Motor des kleinen Zebra-Trabis mitten auf der Straße des 17. Juni den Dienst quittierte.
Immer weiter, vorbei am Adlon, wo sie den roten Teppich ausrollen, durch die Menschenmassen vor dem Brandenburger Tor laufen wir hin zum Reichstagsgebäude, das wir interessiert umkreisen. Einen Blick auf die Siegessäule geworfen und schon stehen wir vor den Stelen des Holocaust-Mahnmals, zwischen selbigen Menschen von Nah und Fern lachend Fangen und Verstecken spielen. Niedersachsen und Hessen lassen wir hinter uns und verschwinden im S-Bahn-Schacht des Potsdamer Platzes. Alle wichtigen Wahrzeichen Berlins in 60 Minuten abgehandelt, das soll uns so schnell einer nachmachen.
Im Neuen Deutschland entfällt am Nachmittag der Workshop über „Moderne Trends der Zeitungsgestaltung“. Wenigstens das Seminar „Tipps und Kniffe bei InDesign“ kann stattfinden. Grafikdesigner Rüdiger Metzler springt für den erkranken Udo Tremmel ein, hat jedoch mit technischen Hürden zu kämpfen. Auf den bereitgestellten Laptops ist kein InDesign installiert. Für den Download der knapp 400 MB großen Testversion werden über eine Stunde Geduld prognostiziert. Metzler improvisiert und versucht mit Hilfe von Screenshots den Zuhörern das Layout-Programm näher zu bringen. Viele ältere Semester kämpfen indessen mit dem Verständnis, stellen abenteurliche Fragen und strapazieren die Nerven des Profis und der anwesenden Amateure. Viel Neues erfährt man in all diesem Chaos nicht.
Halten wir fest: Es lohnt sich vor dem Arbeiten mit InDesign Arbeitsbereiche festzulegen. Ein Schriftenverwaltungsprogramm erleichtert die Arbeit genauso wie das richtige Einstellen der Grundeinstellungen. Und sollten beim InDesignen Fragen auftauchen lohnt ein Blick auf hilfdirselbst.ch. Weiterhin empfiehlt Metzler die Podcasts von theindesigner und diephotoshopper.
Wir füllen unsere Mägen indisch und feiern anschließend im empfehlenswerten Magnet Club, wo heute der Karreraklub zu Gast ist.
Sonntag. Die Nacht war kurz, doch der Vortrag mit der Fragestellung „Gibt es eine Ästhetik der Linken?“ klingt interessant und so laufe ich über die Karl-Marx-Alle und die Straße der Pariser Kommune zum Neuen Deutschland. In der Beschreibung von Hartmuts Lindemanns Vortrag heißt es:
Der Begriff „links“ hat verschiedene Wertungen durchgemacht. Wann bekommt der Begriff seine politische Trennschärfe, das heißt auf Eigenbewusstsein gestützte politische Wertigkeit? Was ist an „links“ ästhetisch? Ist mit linker Ästhetik ein Stil gemeint? Was wären die besonderen Merkmale der Stilmittel einer linken Ästhetik? Wie gestaltet sich in den Grenzen der visuellen Kommunikation aus den Alltagsansprüchen der Linken in Form von Politik, Kultur und Wirtschaft eine linke Ästhetik?
Antworten auf diese Fragen bleibt der Referent leider schuldig. Das Publikum kann dem hektischen und vergeistigten, mit Fremdwörtern gespickten Vortrag kaum folgen. Lindemanns Fazit, es gäbe dieser Tage keine linke Ästhetik, erschließt sich, wie in der kurzen Fragerunde klar wird, nicht jedem. Unbefriedigt bleibt das Auditorium zurück, während ich mich mit seinem Lobgesang auf Garamond besänftigen lasse.
Zeit für ein Mittags-Süppchen. Beim Soooochen nach der Linken Medienakademie wird unser Blog mittlerweile auf Seite 2 aufgeführt. Es geht voran.
Wir bloggen live aus der Retrospektive vom Ende des Podcast-Workshops.
Zwischen dem lustigen Podcast-Selbstversuch und dem Hier und Jetzt liegen vier Bier und unzählige Zigaretten, die der Kersten nicht geraucht hat.
Deshalb verzichte ich auf unwichtige Einzelheiten und stelle fest: Unsere Aufgabe, uns um passende Musik zu kümmern, haben wir mit „Fatima Spar und die Freedom Fries“ stilsicher gelöst.
Gelernt haben wir in den sechs Stunden Workshop auch etwas: Das technische Equipment können wir uns als arme Studenten (Watt dann jetzt mit die Gebühren, Andrea?!?) zwar noch nicht leisten, doch die Hemmschwelle, ein Mikro in die Hand zu nehmen, ist gesunken und vielleicht hört ihr hier schon bald die zarten Stimmen der drei Karlshofjournalisten.
Nicht nur Erkennungsmerkmal wichtiger professioneller Reporter, sondern auch praktischer Nutzen: Die Reporterschlaufe verhindert, dass der Kontakt zwischen Kabel und Mikro während der Aufnahme wackelt. So bleibt der Ton klar und deutlich, ohne Rauschen.
Das inhaltliche Verwickeln des Reporters kann durch diese Technik jedoch nicht ausgeschlossen werden.
„Wie mache ich einen Podcast?“ Mit Geld. Viel Geld. Dieser Eindruck bleibt nach Peter Welcherings zweistündiger Ausführung über das Podcasten. Während sich Kersten vom Twittern erholt und gemeinsam mit Caspar den Koffeintank auffüllt, nutze ich die kurze Pause für eine noch kürzere Zusammenfassung.
Professionelle Podcasts verlangen professionelle Ausrüstung. Professionelle Ausrüstung verlangt professionelles Geld. Als Student ist die Anschaffung von Mikrofonen, einer Videokamera, Schnittprogrammen, Verstärker und weiterer technischer Ausstattung wohl kaum zu finanzieren. Aber wenigstens können wir jetzt die Gerätschaften der h_da kritisch unter die Lupe nehmen. Auf Kerstens Twitterei, Welchering fände das kostenlose Schnittprogramm Audacity doof, antwortet Flosi: „Wer’s Geld hat… (dann nimmt er bestimmt auch ein Mikro von Sennheiser).“
Tut er. Kugelmikros, Nierenmikros, Super-Nierenmikros. Und die immer schön mit der Reporterschleife gehalten, damit ihm die Politiker das Mikro nicht aus der Hand reißen. Oder so ähnlich.
Nach dem Ausflug in die Welt der Mikrofone hören und sehen wir verschiedene Audio- und Video-Podcasts. Wir lernen, dass Kameras auf die Höhe der Nasenwurzel ausgerichtet werden müssen und dass Angela Merkel acht Tage brauchte um zu lernen, beim Teleprompter die ganze Zeile zu erfassen und nicht die Augen nach links und rechts zu verdrehen.
Die Augen verdrehen muss ich, als Welchering erzählt, Lufthansa gäbe pro Woche bis zu 30.000 Euro für einen Corporate-Podcast aus. Davon einige tausend Euro für die Musik – ein hoher Kostenfaktor, da Künstler, Labels und Gema auch ein Stück vom Kuchen abhaben möchten.
So, Pause schon lang vorbei. Wegen mangelnder Multi-Tasking-Fähigkeit habe ich die Ausführungen über Dateiformate nicht mitbekommen. Dafür erfahren habe ich, dass bei Frau Ypsilanti in Hessen der Baum brennt. Wie das bei den Genossen hier aufgenommen wird? Wir halten euch auf dem Laufenden.
Kersten und ich erkunden Friedrichshain. Zu Fuß, wie sich das für echte Berliner in diesen Tagen gehört. Nach dem Debakel gestern abend ersparen wir uns die Vorträge am Vormittag und begeben uns erst am späten Vormittag ins „Neue Deutschland“ um zu lernen: „Wie mache ich einen Podcast“. Referent Peter Welchering erzählt über seine Arbeit. Kersten wird die Außenwelt über Twitter auf dem Laufenden halten.
Stunden Autofahrt hinter uns. Unterkunft bezogen. Wir sind gut angekommen, in der Hauptstadt. Berlin hat uns!
Ein ergrauter, gemütlicher Herr mit obligatorisch rotem Schal fängt uns ab, als wir eigentlich schon fast am Ziel sind: „Wollt ihr zur Medienakademie? Gleich hier, im Neuen Deutschland“ Wir schauen auf das kastige, graue Gebäude. Auf dem Dach prangt das große Schild. „Ja, das Neue Deutschland ist näher als man denkt.“ Er lacht. Wir können uns ein Grinsen nicht verkneifen und folgen dem Mann.
Jetzt sitzen wir in der Eröffnungsveranstaltung. Genau in dieser Sekunde werden wir begrüßt. Größere Blogeinträge gibt es je nach verfügbarer Zeit.
Zwischendurchmeldungen werde ich per Twitter verlautbaren!
