Das Ende der Nacht

Das Ende der Nacht 1

Das Ende der Nacht 2
Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.
Und Gott sah das Licht, dass es gut war;
und Gott schied das Licht von der Finsternis.
Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht.
Und es ward Abend und es ward Morgen.

Moses 1, 1-5, Luther-Übersetzung

Es gab eine Zeit, da gingen die Menschen mit den Hühnern schlafen und erwachten mit dem ersten Hahnenschrei. Sie lebten nach der Natur – Natur, geschaffen von Gott. Nur sie und einige kirchliche Rituale bestimmten über Tag und Nacht. Niemand durfte diese Ordnung ändern. Gott war der Besitzer der Zeit.
Um 1350, mit der Erfindung der mechanischen Uhr, begann der Mensch selbst über die Zeit zu bestimmen. Kerzen, Feuer und schließlich elektrisches Licht ließen ihn Hahn und Hühner vergessen.

Was Gott im Wortlaut der Genesis einst schied, hat der Mensch längst wieder zusammengeführt. Er hat die Nacht zum Tag gemacht. Heute, im 21. Jahrhundert, sind wir 24 Stunden erreichbar; wir fahren im Nachtzug nach Lissabon und trainieren in 24-Stunden-Fitnessstudios; wir schauen Nachtprogramm und saufen in Nachtlokalen bis morgens um vier; wir shoppen rund um die Uhr, schieben Nachtschichten. Die Bänder in den Fabriken stehen niemals still. Stille Nacht, heilige Nacht – alles schläft, keiner wacht: Vergangenheit.
Die Nacht ist, was dem Menschen zu kolonisieren blieb, als alle Welt schon besiedelt war. Stunde um Stunde hat er sie erobert wie Länder und Kontinente. Die Nacht – ein neuer Lebensraum?
1956 wurde in der Bundesrepublik Deutschland das „Gesetz über den Ladenschluss“ verabschiedet. Geschäfte durften montags bis freitags von 7 bis 18 Uhr 30 und samstags bis 14 Uhr geöffnet sein; ausgenommen waren Tankstellen, Kioske, Bahnhofsgeschäfte, Apotheken und Gaststätten. Das ist vorbei: Langer Donnerstag, langer Samstag – Stück für Stück wurden diese Öffnungszeiten erweitert.
Mit der Föderalismusreform 2006 wurde der Ladenschluss Ländersache. In Hessen und acht weiteren Bundesländern gilt nun die 6×24-Regelung: unbegrenzte Öffnungszeit an Werktagen.
Einst waren Abend und Nacht der Geselligkeit vorbehalten. Heute ist selbst ein gemeinsames Abendessen in vielen Familien zur Seltenheit geworden. Flexibilisierung von Arbeitszeiten und liberale Ladenschlussgesetze haben ihre Schattenseiten.

Gedenke des Sabbattags, dass Du ihn heiligst. Sechs Tage sollst Du arbeiten
und all deine Dinge beschicken; aber am siebten Tage ist der Sabbat des
Herrn, Deines Gottes; da sollst Du kein Werk tun noch Dein Sohn noch
Deine Tochter noch Dein Knecht noch Deine Magd noch Dein Vieh noch der
Fremdling, der in Deinen Toren ist.

Moses 20, 8-10, Luther-Übersetzung

Die Crux: Die Betroffenen der Ausdehnung – Arbeiter, Angestellte, Erwerbstätige – sind gleichzeitig ihre Verursacher. Sie wollen Kultur und Unterhaltung, Lieferpizza und Nachrichten, auch spät in der Nacht. Die Lust am Vergnügen treibt die Menschen unters Sternenzelt. Die Nacht, die neu gewonnene Freiheit, möchten sie auskosten. Konsumieren, Reisen, Erleben – nach einer ganz individuellen Zeitgestaltung. Die Möglichkeiten der Non-Stop-Gesellschaft sind attraktiv und scheinbar grenzenlos.
Und? Ist das schlimm? Spricht etwas dagegen, die Nacht zum Tag zu machen? Vielleicht die Biologie? Unsere innere Uhr? Ist der Schlaf des Homo sapiens – seines Zeichens Vielschläfer – tatsächlich an die Sonne gebunden? „Suchst du etwas Kluges, so bedenke es in der Nacht“, riet der vorsokratische Philosoph, Komödienschreiber, Arzt und Naturforscher Epicharmos. Die Nacht, das ist der letzte Rest Privatleben, der uns geblieben ist. Nachts sind wir nur ungern allein, aber doch ganz bei uns. Die Schlafzimmertür bleibt in der Regel auch für enge Freunde verschlossen. Aber auch hier brechen die Medien ein: Schwarzweiß-Bilder von Nachtsichtkameras zeigen schlafende Bewohner im
Big-Brother-Haus – ein Tabubruch.

Die Nacht ist die Zeit der Randgruppen: der Unterdrückten, der Verachteten, der Gefürchteten. Die Nacht ist ein Gleichmacher; nachts sind alle Katzen grau. Der Darmstädter Philosophie-Professor Alfred Kessler sagt: „Die taghellen Nächte der Herren waren auch ein Diebstahl an der Nacht der Mägde und Knechte. Die Nacht ist notwendig, unabwendbar notwendig für diejenigen, deren Leben nur im Nachtschatten der Gesellschaft lebbar ist. Auch heute. Ich glaube, dass, lange bevor die Privilegierten die Nacht zum Tag gemacht haben, die Mägde und Knechte darauf angewiesen waren, die Nacht zu nutzen, den Augenblick, in dem der Herr sinnlos betrunken nicht mehr Herr ist.“

Was also hat der Mensch kolonisiert? Neu erobert wurde kein Lebensraum. Ein Lebensraum war die Nacht schon immer. Ein vermarktbarer Raum wurde vereinnahmt. Ein Feldzug, nicht aus edelsten Motiven. Was den Menschen trieb im Kampf gegen Dunkelheit, Öffnungszeiten und Sternenhimmel waren nicht Neugier, Mythen, Geister und Dämonen, sondern das Streben nach Profit. Zeit ist Geld – und die Konkurrenz schläft nicht, hat uns die Moderne gelehrt. Und so darf das Kapital auch in der Nacht nicht ruhen. „Die Uhr“, sagt Zeitforscher Karlheinz A. Geißler, „ist schuld an der Erfindung des Kapitalismus.“ Und nun raubt er, der alte Schlawiner, uns den Schlaf, die Nacht, im Eigentlichen: die Intimität schlechthin. Termine, Termine, Termine. Wir haben Angst, den Anschluss zu verlieren, irgendetwas zu verpassen. In der säkularisierten Gesellschaft sind Tempo und Zeiteffizienz zum Ersatz für das ewige Leben geworden. Am Ende der Nacht wartet Schlafes Bruder – der Tod. Neonlicht, Nachtclubs, 24-Stunden-Tankstellen – Waffen im Kampf gegen die Nacht. Gegen die Vergänglichkeit. Wer die Nacht erobert, glaubt Macht über den Tod zu gewinnen. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, sagte der rastlose Filmemacher Rainer Werner Fassbinder einst.
Doch mit der Zeit verhält es sich wie mit der Energie. Der Energieerhaltungssatz besagt: Energie geht nie verloren, sie ändert nur ihre Form. Die Freiheit, rund um die Uhr konsumieren zu können, haben wir teuer bezahlt – wir opferten gemeinsame Abendessen, gemeinsame Zeit, einen gesunden Schlafrhythmus. Wenn eine Gesellschaft zu unterschiedlichen Zeiten im Schichtdienst arbeiten muss, kann sie sich nicht mehr begegnen. Das aber ist eine Voraussetzung dafür, dass sich eine gemeinsame Kultur überhaupt entwickelt. Wir haben bezahlt mit Burnout und Depressionen, den Berufskrankheiten des 21. Jahrhunderts. Bezahlt mit Unfällen, Flugzeugabstürzen, Produktionsfehlern – verursacht durch zu lange Arbeitszeiten und Nachtarbeit.

Wir haben Grenzen abgeschafft; wähnten, die große Freiheit gewonnen zu haben. Das Ende der Nacht ist zugleich Symptom und Metapher. Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das auf grenzenloses Wachstum setzt, in einer Welt, die nicht grenzenlos ist. In ein paar Jahrzehnten, so die Prognosen, leben neun Milliarden Menschen auf der Erde. Die utopische Vorstellung, dass all diese Menschen ein Auto besitzen, ist beängstigend. Doch eine weltweite Staatengemeinschaft, eine globalisierte Welt konsequent weitergedacht, erfordert einen sozialen Ausgleich zwischen den Mitgliedern dieser Gemeinschaft: Arme Länder müssen reicher – reiche Länder ärmer werden. Bis schließlich ein für Mensch und Umwelt akzeptables Level gefunden ist. Die Ressourcen sind begrenzt, Krieg scheint die einzige Alternative.
Negatives Wachstum? Eine Angleichung der weltweiten Lebensverhältnisse auf ein vernünftiges Maß? Bescheidenheit? Rücksicht? Zufriedenheit? – alles nur linke Parolen? Es ist der Traum von einer besseren Welt. Doch um zu träumen, muss man schlafen!

Die Nacht ist ein Lebensraum, sie ist ein Kulturgut, mehr als ein vermarktbarer Raum, die Nacht ist schützenswert. Was haben wir mit dem Ende der Nacht gewonnen? Was haben wir verloren? Ist eine Nonstop-Gesellschaft wirklich frei? Ehe wir die Nacht zum Tag machen, sollten wir über diese Fragen eine Nacht schlafen. „Sie haben die Macht, wir haben die Nacht“ – falls wir nicht gerade arbeiten müssen.

„Echte Schöpfer spielen Lego, Playmobil ist für stupide Stecker!“

Wii oder Playstation 3? Game Boy Advance oder Nintendo DS? In unseren Kinderzimmern galt es damals nur eine Entscheidung zu treffen: LEGO oder Playmobil? Wer beides spielte, hört heute „eigentlich alles“. Mit fünf Jahren bekam ich den ersten LEGO-Bausatz und die kleinen Steinchen wurden zum Star meiner Kindheit. Ich baute Burgen, Städte, Schiffe. Schuf Häuser, Planeten, fremde Welten. Ich zählte Noppen, machte Pläne. Durchwühlte Stunde um Stunde die LEGO-Ber­ge auf der Suche nach dem entscheidenden Teil. Ich setzte heimlich die letzten Steine, als meine Mutter schon das Licht ausgemacht hatte. Heute entdecken auch Unternehmen die schöpferische Kraft der bunten Steine: In Kursen konstruieren die Teilnehmer Landschaften und Modelle aus LEGO, erzählen Geschichten und spielen verschiedene Szenarien durch. Sie sollen „durch ihre Finger denken“. Das Bauen wirkt als Katalysator bei der Lösung schwieriger Probleme und Situationen. Schade, dass zeitgleich das Kinderspielzeug LEGO seinen Charme verliert: Während die Frau Mama ein Tütensüppchen zaubert, steckt der Sohnemann die drei verbliebenen Teile der großen Ritterburg zusammen. Will man Kinder für dumm verkaufen, kann man sie auch Playmobil spielen lassen.