Kochen ist Anarchie

Fünf rote Sterne deluxe: Wer die Rote Gourmet Fraktion als Tour-Köche engagiert, schlemmt backstage im Schlaraffenland. Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen über Punkrock-Catering und die politisch korrekte Studenten-Küche

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»I hate Christmas. I hate Jesus. But it’s okay that it’s gone.« Ein englischer Rowdie mit knolliger Nase und verquollenen Augen antwortet grinsend auf die Frage nach den Feiertagen. Keine Festtagsromantik am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags in der Frankfurter Festhalle. Männer mit Helmen und verwüsteten Frisuren, schweren Stiefeln und Pullovern von Bands quer durch die Rockgeschichte schleppen zentnerschwere Bühnenbauteile, installieren Scheinwerfer und Technik, klopfen, hämmern, schrauben. Zehn Stunden später werden hier die Toten Hosen in der ausverkauften Halle spielen. Frankfurt ist eine der letzten Stationen ihrer »machmalauter«-Tour im Jahr 2008. Mit auf Tournee ist auch diesmal die Rote Gourmet Fraktion (RGF). Der Catering-Service von Ole Plogstedt und Jörg Raufeisen ist seit Jahren ein treuer Begleiter der Hosen.
In den Katakomben der Festhalle versorgt das Team um die beiden Hamburger sowohl Band als auch Crew mit Speis und Trank. In der Cafeteria sitzen einige der Arbeiter beim Frühstück. Tannenzweige, Kerzen und Nüsse zieren die Biertische, überzogen mit roten Plastiktischdecken. Etwas Festtagsromantik für hartgesottene Rocker. Das Buffet hingegen ist klassisch gehalten: Plastikratten und Totenköpfe blicken zwischen Cerealien, Obst, Kaffee, Brötchen und Warmhaltevorrichtungen hervor. An der Wand hängt ein großer schwarzer Stofffetzen: »All Cooks Are Bastards« – ein Späßchen, gewachsen auf den Mist eines gewissen Farin U. Das RGF-Banner mit dem inzwischen markenrechtlich geschützten roten Stern prangt direkt über der Anrichte. Der Name stößt bis heute auf Ablehnung. Doch er dient auch als Filter; bewahrte die RGF vor unliebsamen Kunden, als Jörg und Ole noch zu zweit in den Hinterzimmern deutscher Konzerthallen Musikermampf kredenzten.

AC/DC dröhnt aus der Küche nebenan. Der iPod auf der großen Box mit den zahllosen Gewürzen läuft auf Dauerrotation. Um 7.45 Uhr gingen bei der RGF heute die Trucktüren auf. Während nach und nach alle Flightcases mit Herden, Kaffeemaschinen, Mikrowellen, Töpfen, Deko, Geschirr und Gedöns in die Kellerräume der Festhalle gewuchtet wurden, lief der erste Kaffee durch. Nur 30 Minuten später brutzelten die Rühreier in der Pfanne. »Die erste halbe Stunde ist zum Wachwerden. Da müssen alle Vollgas geben«, sagt Ole. Und mit Vollgas geht es weiter. Mindestens bis halb zwölf in der Nacht, manchmal länger.

Längst sind Ole und Jörg nicht mehr alleine. Die RGF ist fast 16 Jahre nach der Gründung Veranstalter von Show-Koch-Events, Eventcaterings und Kochkursen. In Hochzeiten sind bis zu 50 Leute beschäftigt. In Frankfurt sind es deren sechs. Sie schnibbeln, dünsten, kochen, kosten. Ein junger Koch mit schwarzer RGF-Pudelmütze steht an einem der mobilen Herde. Sein tätowierter Arm brät Fleischwurst an; deftige Kost für hungrige Arbeitermägen. »Die Jungs sind da draußen Traversen am kloppen. Denen kannst du nicht mit kleinen Tellerchen kommen«, weiß Jörg um die Wu?nsche der Kunden. »Mittags gibt’s was Derbes, Gullasch oder Hackbraten – abends dann richtige Angeberteller mit frittierter Garnitur und Schaumsößchen.«

Die Menüs entstehen in den Tagen vor der Tournee in der RGF-Homebase in Hamburg. Die Zutaten kauft die Crew vor Ort beim nächsten Lebensmittelgroßhandel. Für frische Produkte und Extrawünsche ist jederzeit ein ortskundiger Runner abrufbereit. Das ist zum Beispiel, »wenn Earth, Wind & Fire zweieinhalb Kilo Ingwer bestellen«, sagt Ole, »und ich das durch die Saftpresse hauen und erwärmen muss, um es dann nochmal durch den Kaffeefilter zu jagen. Die trinken das mit irgendwas, weil’s gut fu?r die Gesundheit ist. Das ist für jemanden, der das liest, ausgefallen. Für uns ist das ganz normal.«
Bei der Menüwahl dürfen alle ihre Ideen einbringen. Rezepte als Inspirationsquelle nutzt Ole nicht. Kochen ist Anarchie. Aber weil jede gepflegte Anarchie eine gewisse Hierarchie brauche, gebe es auch in den fahrenden Küchen der RGF Küchenchefs, erklärt Ole. Jörg und er stehen selbst immer seltener hinter dem Herd. »Wir versuchen das so häufig wie möglich, doch wenn dauernd das Handy klingelt, kann man einfach nicht kochen«, sagt Jörg und schmeckt schnell noch die Curry-Sauce für das bevorstehende Mittagessen ab.

Der Zauber von Bucovina

„Das ist keine Kompromissveranstaltung. Entweder du liebst es, oder du flüchtest“, sagt Shantel über das Phänomen Bucovina Club. Vor nunmehr fünf Jahren veröffentlichte der Frankfurter DJ, Produzent und Musiker Stefan Hantel, inspiriert von der Reise in die Bukowina, die Heimat seinerGroßeltern, die Compilation Bucovina Club. Es ist ein energetischer Stil-mix zwischen Ost und West, Tradition und Moderne. Balkan-Pop trifft auf jiddischen Klezmer, Roma-Blaskapellen auf türkische Volksmusik, Folkloreauf Elektronik. Von Frankfurt aus erobert die dazugehörige Veranstaltungsreihe BucovinaClub Kontinentaleuropa – ohne dabei über den Status des Geheimtipps hinaus zu kommen. Am 16. Mai wird Shantel der enthemmt tanzenden Masse in der Centralstation vom DJ-Pult zurufen: „Darmstadt, ihr seid der Bauch-nabel Europas! Die kosmopolitische Schnittstelle zwischen Orient und Okzident!“ – und wenn man nicht geflüchtet ist, wird man ihn verstehen, den Zauber von Bucovina.

Bucovina

Du hast dich in letzter Zeit ziemlich rar gemacht im Rhein-Main-Gebiet und bist durch ganz Europa getourt. Der Bucovina Club wird immer populärer. Ist Shantel noch Partisane oder schon Popstar?

Weder noch. In der eigenen Stadt ist es einfach, auf den Misthaufen zu krabbeln und laut zu krähen. Ähnliche Erfolge im Ausland zu erfahren ist die größere Herausforderung. Ich habe in Frankfurt angefangen und dann die Kreise immer weiter gezogen. Jetzt gehe ich Angeboten nach, egal aus welchem Winkel der Erde sie kommen.

Momentan sind das noch überwiegend Winkel in Europa. Planst du den Bucovina Club auch nach Südamerika, in die USA oder nach Asien zu exportieren?

Im März hatte ich eine Einladung nach Japan, die ich aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Auftritte in Amerika oder Südamerika sind ein logistisches und ökonomisches Problem, weil sie höhere Kosten verursachen. Zudem ist Nordamerika im kulturellen Kontext betrachtet eine Art Entwicklungsland. Es ist bezeichnend, dass viele US-amerikanischen Pop- oder Rockkünstler in ihrem eigenen Land keinen Fuß vor die Tür bekommen und ihre Erfolge hier in Kontinentaleuropa feiern.

Aber auch hier war es nicht einfach, die Menschen für den Bucovina Club zu begeistern.

Nein, es war überhaupt nicht einfach. Ganz im Gegenteil. Ich habe zu Beginn den strengen Wind des Unverständnisses und der Entrüstung gespürt. Die meisten Menschen, Plattenlabel oder Musikvertriebe konnten damit überhaupt nichts anfangen und haben mich für verrückt erklärt.

Gab es nach diesen anfänglichen Schwierigkeiten einen Punkt, an dem du plötzlich gespürt hast: Man, jetzt geht aber die Post ab?

Die Dynamik war schon am ersten Abend da. Die Szene war zwar kleiner, doch es war ein positives, berauschendes Erlebnis, bei dem unglaublich viel freigesetzt wurde: Energie, Hedonismus und Überraschung.

Diese Energie im Bucovina Club ist eine ganz besondere. Menschen ohne jegliche Affinität zum Tanzen fangen plötzlich an, sich wild zu bewegen. Wie schaffst du es, ihnen mit deiner Musik die Hemmungen zu nehmen?

Der Bucovina Club lebt von einem Zauber. Von einer Magie, die man nicht ganz entschlüsseln kann. Auch für mich ist es immer wieder eine Überraschung, zu beobachten wie viel möglich ist. Musik kann sehr viel bewegen und auslösen. Sie ist im positiven Sinne ein Mittel, gewisse Reglements und Beschränkungen für ein paar Stunden aus den Angeln zu heben.

Du bringst den Menschen hier die Kultur Osteuropas näher. Wie wird deine Musik in Osteuropa selbst aufgenommen?

Das musikalische Empfinden ist im Osten nicht anders als bei uns. Die Vorstellung, dass in Osteuropa an jeder Ecke irgendwelche wilden Gypsy-Partys und Hochzeiten stattfinden, ist ein totaler Quatsch – ein Klischee, das man aus Filmen von Kusturica kennt, aber nicht die Realität. Die Massenmedien servieren den Leuten einen westlich orientierten Unterhaltungspop. Meine Musik ist im Osten genau so exotisch wie hier. Beim Bucovina Club spielt es keine Rolle, ob du Deutscher oder Österreicher bist oder Serbe, Grieche, Rumäne oder Türke.

Die Bukowina, eine historische Landschaft zwischen Rumänien und der Ukraine, inspirierte dich zum Konzept des Bucovina Clubs. Es war die Heimat deiner Großeltern mütterlicherseits. Sie lebten vor ihrer Vertreibung in Czernowitz, wo es zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie ein gleichberechtigtes Zusammenleben verschiedener Kulturkreise gab. Ukrainer, Polen, Rumänen, Ruthenen, Juden, Roma und Deutsche…

…das war für mich immer ein magischer Ort! Schon in meiner Kindheit habe ich viel über diese Stadt gelesen und gehört. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Gegend von der Sowjetunion annektiert und es war schwierig, dorthin zu reisen. Nach dem Fall der Mauer habe ich mir Czernowitz angeguckt. Zunächst als Tourist ohne besondere Mission oder konkrete Idee. Ich wollte einfach den Geruch, den ich im Kopf hatte, mit plastischen Bildern ergänzen. Das war eine spannende Erfahrung, aber ich habe schnell festgestellt, dass die Ideale und Visionen, die diese Stadt in der Vergangenheit verkörperte, heute nicht mehr existieren.

Viele bringen deinen Namen mit den Filmen von Fatih Ak?n in Verbindung. Für „Auf der anderen Seite“ hast du den Soundtrack zusammengestellt und hattest sogar einen kurzen Gastauftritt im Film. Wie entsteht so ein Soundtrack?

Es war eigentlich unspektakulär. Fatih hat mich eines Tages angerufen und mich gefragt, ob ich den Soundtrack machen möchte. Ich war überrascht, habe ihm gesagt, dass ich so etwas noch nie gemacht habe und ihn gefragt, ob er sich sicher ist mit seiner Wahl. Filmmusik zu machen, ist etwas ganz anderes als ein Projekt wie Disko Partizani. Filmmusik ist eine sehr emotionale und atmosphärische Angelegenheit. Ich habe zugesagt, zuerst das Drehbuch gelesen und dann direkt die Musik gemacht – da wurde der Film noch gar nicht produziert. Es war eine Aufgabe, die ich als Bereicherung betrachte. Man sollte sich immer mit einem Bein aufs Glatteis bewegen und viele neue Herausforderungen und Möglichkeiten austesten.

Eine neue Herausforderung wartet im Sommer auf dich. Du bist auf vielen Festivals und die Leute kommen nicht explizit zu dir – Du kommst zu den Leuten…

Rockfestivals sind einerseits ein Haifischbecken, Massenveranstaltungen mit wenig Platz für Details. Andererseits erreicht man auf diesem Weg wahnsinnig viele Menschen. Ein Format wie Disko Partizani läuft nicht im öffentlich-rechtlichen Radio oder Fernsehen. Es ist selbstverständlich, einen Country-Song oder irgendeine Ami-Pop-Schnulze zu hören, nicht aber ein türkisches Lied. Das ist krank. Wenn ich das Radio anmache, höre ich nur West, West, West. Es muss doch die Möglichkeit geben, dass Roots-Musik ähnlich wie Reggae, Dancehall oder Latin Pop zum kulturellen Selbstverständnis werden kann. Wenn ich einen Teil auf dem Weg zu diesem Selbstverständnis beitragen kann, wäre das großartig.

Du bist nicht nur DJ, sondern auch Musiker und Produzent – betreibst mit Essayrecordings dein eigenes Label. Was können wir als nächstes von dir erwarten?

Es wird sicherlich irgendwann eine dritte Folge der Bucovina-Club-Reihe geben. Wann das sein wird, weiß ich noch nicht. Im Moment ist der Weg, den ich mit Disko Partizani eingeschlagen habe, die größere Herausforderung. Ich habe viele Ideen im Kopf, so dass es auf jeden Fall ein zweites Album geben wird.

Shantel über…

… Frankfurt

Frankfurt ist eine wunderbare Stadt, weil das, was man hier nicht hat – und das ist eine Menge – sich wunderbar erfinden kann. Der Bucovina Club ist auch so eine Erfindung gewesen. Man denkt, die neusten Trends müssen in London, Paris oder Berlin kreiert werden. Das ist aber Quatsch. Man kann das auch in einer unaufgeregten, etwas provinzielleren Stadt wie Frankfurt machen.

… Istanbul

Istanbul ist ein Schmelztiegel, in dem Geschichte, Tradition und Moderne hart aufeinander treffen. Es ist ein Kontrast-Ort. Man braucht Jahre, um diese Stadt zu verstehen und kennen zu lernen.

… Berlin

Berlin ist ein Durchlauferhitzer. Ich finde die Stadt nicht annähernd so elektrisierend und erquickend, wie sie in den Medien dargestellt wird. Da sind andere Plätze spannender. Das kann auch ein Provinzkaff sein, irgendwo in Ober-Österreich.

… Darmstadt

Der Fakt, dass ich hier seit einigen Jahren mit einer guten Entwicklung den Bucovina-Club in der Centralstation veranstalte, spricht für die Stadt. Man muss das Glück nicht unbedingt in der Ferne oder in der Metropole suchen. Man kann es auch in Darmstadt finden. Heißt ja nicht, dass man dort beerdigt werden möchte.

Stefan Hantel alias Shantel wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren. Nach einem Grafikdesign-Studium in Pariskehrte er 1991 nach Frankfurt zurück und eröffneteeinen Club. 1994 gründete er das Label Essayrecordings. Nach der Reise nach Czernowitz in der Bukowina erfand Shantel 2001 seinen weltoffenen elektronischen Stil neu und kreierte das Format Bucovina Club. 2006 wurde ihm dafür der BBC World Music Award zugesprochen, der neben dem Grammy eine der wichtigsten Auszeichnungen ist, die im internationalen Musikbusiness vergeben werden.