
„Ob hier schon was los war? Da müsst ihr später kommen“, sagt Wahlhelfer Falk Berndt, 34 und lacht. Vor 14 oder 15 Uhr ginge in diesem Stadtteil kaum einer wählen. Zusammen mit fünf weiteren Wahlhelferinnen und Wahlhelfern sitzt Berndt in einem Klassenraum der Käthe-Kollwitz-Oberschule im Wahlkreis Pankow. Die Wahlhelfer arbeiten in zwei Schichten. Eine früh, eine spät. Sie geben Stimmzettel aus und haken ab, wer sein Kreuz gemacht hat.
Pankow ist nicht gerade repräsentativ für Deutschland. „Doch welcher Wahlbezirk ist das schon“, fragt einer der Wahlhelfer. In der Nähe von Essen gäbe es ein Dorf, das immer ganz nah am am bundesweiten Endergebnis dran sei.
2005 lag in Pankow die SPD vorne. Sie gewann 34,6 Prozent der Stimmen, gefolgt von der Linkspartei mit 24,4 Prozent. Die CDU? Abgeschlagen mit lediglich 14,4 Prozent. Und hätte allein dieser Bezirk im Osten Berlins über die Zusammensetzung des Bundestages entschieden, die FDP wäre mit 5,7 Prozent fast an der Fünf-Prozent-Hürde und damit am Einzug ins Parlament gescheitert.
Und heute? Demoskopen gehen davon aus, dass derzeit noch 40 Prozent der Wähler unentschlossen sind, wo sie ihr Kreuz machen sollen. Was also mag einem Wähler auf dem Weg zur Käthe-Kollwitz-Oberschule durch den Kopf gehen?
Merkel war nicht schlecht, aber auch nicht gut. Die SPD ist zu rechts, die Linken zu links, die Grünen zu grün und überhaupt: Von Wirtschaft haben die doch keine Ahnung. Dabei ist doch Krise. Also Stammwählen? Wechselwählen? Stell dir vor, Guido Westerwelle wird Außenminister. Stell dir vor, Frank-Walter Steinmeier bleibt Außenminister. Wieder Große Koalition. Willst du das? Ja? Dann wähle Grün. Taktisch klug. Ist das Überzeugung? Ist das noch Demokratie? Also lieber gleich ungültig wählen? Aus Protest. Protestwahl! Bin ich WIR? Weg mit Hartz IV! Links? Rechts? Ruck? Zu radikal. Also Volksparteien wählen. Aber wie viel Volkspartei steckt noch in den Volksparteien? Kann angesichts dieser Umfragewerte überhaupt von Volksparteien gesprochen werden? Die Kinder, die Steuern, die Schulden, die Krise, die Krise, die Krise, das Geld, die Zukunft und Opel und Umwelt. Atom und Lobby, Fernsehduell und Afghanistan. Und wer sind eigentlich diese Piraten?
Wir fragen die, die gerade gewählt haben. „Erststimme Thierse, Zweitstimme CDU“, verrät uns ein junger Familienvater. Wolfgang Thierse (SPD), von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages und seit 2005 Vizepräsident, wohnt gleich um die Ecke in der Knaackstraße. Einer aus dem Kiez. Einer, der anerkannt wird. 2005 gewann er über 40 Prozent der Erststimmen. Wirklich aus Überzeugung habe er nicht gewählt, erzählt uns der Mann. Der Wahl-O-Mat habe schließlich den Ausschlag gegeben – „auch wenn da ganz kuriose Parteien vorne mit dabei waren.“ Er wünscht sich den Fortbestand der Großen Koalition. Das sei doch gar nicht so schlecht gewesen.
Die wenigen älteren Menschen, die ins Wahllokal kommen, wollen uns nicht sagen, wen sie wählen. Anders Mattia Bier. „Grün, Grün, Grün“, sagt die junge Frau noch ehe wir unsere Meinungsforscherfrage beenden können. Sie wählt aus Überzeugung. Keine taktischen Spielchen. So könne Demokratie doch nicht funktionieren, meint sie. Dass die Chancen auf eine Regierungsbeteiligung der Grünen von den Demoskopen als gering eingestuft werde – Mattia Bier zuckt mit den Schultern. „Ich glaube fest daran, dass die Grünen an einer neuen Regierung beteiligt sind“, sagt sie und fährt mit dem Fahrrad in den Wahlsonntag.
970 Menschen könnten heute theoretisch in einer der zwei Wahlkabinen im Klassenraum ihr Kreuz machen. Doch dass die alle kommen – daran glaubt im Wahllokal niemand. Kristin Pfeiffer, 23, hilft bereits zum zweiten Mal. Sie hat sich ein Buch mitgenommen, ihre Nachbarin macht Kreuzworträtsel. Ab 18 Uhr werden sie die Stimmzettel auszählen und das Ergebnis telefonisch weitergeben.