Pietro fährt acht Stunden Bus und verlässt doch nie die Grenzen seiner Stadt. Als Busfahrer ist er von bis zu 150 Menschen umgeben und trotzdem immer allein. (weiterlesen…)
Im Mainzer Bruchwegstadion werden Fußballspiele für Blinde kommentiert
Das ganze Stadion steht. Stephan Heym presst den kleinen schwarzen Kopfhörer fest an seine rechte Ohrmuschel. Nichts hält ihn mehr auf dem roten Schalensitz. Soeben ist die letzte Spielminute in der Partie zwischen Mainz und Paderborn angebrochen und noch einmal gewinnt die Stimme im Kopfhörer an Dramatik, wird schneller, lauter: „Soto auf Amri, der dringt in den Strafraum ein, aufs Tor zu, zieht nach links und…“ Der gellende Jubel der 19.000 Zuschauer übertönt den langgezogenen Torschrei in Stephans Ohr. Den Kopfhörer in der Hand, reißt er die Arme in die Luft. Es steht 6:1 für Mainz. Doch Stephan hat das Tor nicht gesehen. Er sieht nie ein Tor. Seit seiner Geburt leidet er an einer seltenen Zäpfchendegeneration und ist stark kurzsichtig, fast blind.
Zwei Stunden zuvor: Thomas Dauth und Klaus Welsch, die Stimmen in Stephans Ohr, haben die Plätze zwei und drei der Pressetribüne eingenommen. Sie werden an diesem Dienstagabend für zehn Blinde und Sehbehinderte das Zweitliga-Spiel 1. FSV Mainz 05 gegen den FC Paderborn kommentieren. Während zwei Blöcke weiter eine Dame die Kopfhörer an die Blinden austeilt, bereiten die beiden Sprecher sich auf das Spiel vor: Thomas Dauth kritzelt mit dem Kugelschreiber die taktische Aufstellung auf ein Blatt – Klaus Welsch überprüft Funkgerät und Mikrofon und unterstreicht einige Hintergründe im Vorbericht der lokalen Tageszeitung. Dann kommen die Mannschaften aus den Katakomben.
Reportieren statt Kommentieren
Das Spiel fängt an. Klaus Welsch beginnt. Kein radioeskes Vorgeplänkel, gleich mitten hinein ins Geschehen. „Eigentlich kommentieren wir nicht – wir reportieren“ erklärt Thomas Dauth den Unterschied zu den Manni Breuckmans und Sabine Töpperwiens. Der neuste Tratsch über Spielerfrauen interessiere seine Zuhörer ebenso wenig wie Kicker-Statistiken. Blinde sehen mit den Ohren.
Auf einem Seminar der Sehhunde, einem Fussball-Fanclub für Blinde und Sehbehinderte, hat Thomas Dauth gelernt, die Ereignisse auf dem Rasen präzise zu schildern. Als er nach fünf Minuten das Reportieren übernimmt, kleben sein konzentrierter Blick und seine Sätze am Ball wie die Füße eines brasilianischen Dribbelkünstlers. Das gelbe Mikro routiniert zwischen Daumen und Fingerkuppen eingeklemmt, variiert er immer wieder das Sprechtempo, untermalt langweilige Pass-Stafetten in den eigenen Reihen durch ruhige Erklärungen und spurtet mit seinen Worten hastig dem Stürmer hinterher, wenn dieser zum Angriff auf das gegnerische Tor ansetzt.
So wie in der 28. Spielminute als Srdjan Baljak das 1:0 für die Nullfünfer erzielt und das Stadion im kollektiven Freudentaumel versinkt. „Ein Geniestreich“, brüllt Thomas Dauth seinen Zuhörern überschwänglich ins Ohr. Auch er ist Fan, arbeitet neben seinem Studium in Sport und Germanistik als Jugendbetreuer bei Mainz 05. Dass Baljak wohl im Abseits stand, hat auch er nicht gesehen.
Kurz vor der Halbzeit erhöht der FSV, kommentiert von Thomas Dauth, auf 2:0. „Hast du wieder die Tore gehabt“, frotzelt Klaus Welsch und verschwindet grinsend im warmen Tribüneninneren. Gemeinsam mit drei Kollegen unterstützt er die Spielkommentierung für Blinde, die der Verein seit Beginn der Saison 2006/2007 im Mainzer Bruchwegstadion anbietet.
„Am Bruchweg“ ist Stephan Heym heute zum ersten Mal. Ottmar Miles-Paul, der Landesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen, hat ihn eingeladen. Er leidet ebenso wie Stephan an einer extremen Kurzsichtigkeit. Beide sitzen nebeneinander, kneifen ihr linkes Auge zu und versuchen mit einem kleinen Fernrohr angestrengt den Ball zu fokussieren. Manchmal, sagt Stephan Heym, könne er sogar die Rückennummer oder die Haarfarbe erkennen, doch meist sehe er die Spieler nur schemenhaft.
Hock disch hie, du Blinder!
Inzwischen führen die Gastgeber 4:0. „Steht auf, wenn ihr Mainzer seid“ schwappt es von der Fankurve herüber. Stephan, Ottmar und die anderen lassen sich nicht lange bitten, erheben sich, klatschen und singen – manchmal länger als es dem stehfaulen Publikum auf der Haupttribüne beliebt. „Hock disch hie, du Blinder!“ ruft Siegward Krauskopf, verantwortlich für die Barrierefreiheit im Stadion, einem älteren Mann mit roter Pudelmütze zu, der nicht mitbekommen hat, dass um ihn herum bereits alle wieder sitzen. Er lacht. Sie verstehen Spaß. Die Blinden und Halbblinden, wie Krauskopf sie nennt. Ein „blinder Schiri“ erzählt er, während Paderborn den Anschlusstreffer erzielt, sei hier vielmehr Running-Gag als Kränkung.
6:1 gewinnt Mainz 05. Es ist ein wichtiger Sieg im Kampf um den Aufstieg. Stephan Heym will wieder kommen. „Das war echt super!“ bedankt er sich bei Thomas Dauth, der noch einmal zu den Blinden gekommen ist, um Lob und Kopfhörer einzusammeln. „Die Atmosphäre im Stadion ist eine ganz besondere, unbeschreiblich“, ergänzt Ottmar Miles-Paul. Man möchte nicht sagen – mit leuchtenden Augen.