Wähl mich! Nein mich!

Zwischen SĂ©golène Royal und Nicolas Sarkozy zu entscheiden, fällt den Franzosen nicht leicht. Für AmĂ©lie ist es noch schwerer – sie ist geistig behindert.

Nicolas Sarkozy und SĂ©golène Royal. Selbstbewusst präsentieren sie sich der Öffentlichkeit – auf Wahlplakaten, die in jedem noch so kleinen französischen Dorf aushängen. An die Wand des Rathauses geleimt, lächeln sie um die Wette. Doch die Tatsache, dass in der zweiten Runde nur noch zwei der ursprünglich zwölf Kandidaten zur Wahl stehen, scheint es den Franzosen nicht leichter zu machen. Auch nach dem Fernsehduell am vergangenen Mittwoch sind noch viele Wähler unsicher, für wen sie in der Stichwahl stimmen werden.

Viel Inhalt ist von diesen Wahlplakaten nicht zu erwarten. Neben ihren Wahlsprüchen scheinen die Politiker vor allem auf ihren Kopf zu setzen. Ausstrahlung ist alles.

,,Und weißt du schon, wen du wählen wirst?“ , fragte Claire ihre Mitbewohnerin AmĂ©lie vor drei Wochen, also noch vor dem ersten Wahlgang. ,,Ja, ich schwanke zwischen drei Kandidaten: SĂ©golène Royal, Olivier Besancenot und Philippe de Villiers.“ Claire stutzt einen Moment lang. Royal, Besancenot und de Villiers? Die erste ist Sozialistin, der zweite gehört zu den radikalen Linken und der andere zur extremen Rechten. AmĂ©lies Favoriten stammen nicht einmal annähernd aus dem selben politischen Lager.

Wenn man sie fragt warum sie ausgerechnet diese drei in Betracht zieht, antwortet AmĂ©lie: ,,Zunächst schaue ich mir das Foto des Kandidaten an. Wenn mir sein Gesicht gefällt, dann höre ich mir sein Programm im Radio an und lese in den Zeitungen.“

AmĂ©lie ist 31 Jahre alt und geistig behindert. Sie steht unter eingeschränkter Vormundschaft und hat somit das Recht zu wählen. Am Sonntag wird sie wie die meisten Franzosen zur Wahl gehen. Das ist ihr wichtig. Jeden Morgen hört sie im Radio die Nachrichten, in den letzten Wochen vor allem Interviews und andere Beiträge zur Präsidentenwahl. AmĂ©lie ist ein sehr offener und kontaktfreudiger Mensch, sie lässt sich von Stimmen und Bildern leiten. Nicht selten übernimmt sie unreflektiert eine Meinung, die sie irgendwo aufgeschnappt hat. So kommt es, dass AmĂ©lie sich die Programme der Kandidaten, deren Gesichter ihr nicht sympathisch genug sind, gar nicht erst ansieht.

Vielen geistig Behinderten wie AmĂ©lie fällt es schwer, sich in der manipulativen Informationsflut zurechtzufinden. Warum sollen sie dann wählen gehen? ,,Das ist eine schwierige Frage“, sagt Eliette Moriamez, Psychiaterin in MontĂ©lĂ©ger. ,,Alle Bürger haben dieses Recht. Wie können wir entscheiden, ob jemand das politische Geschehen ‚richtig’ einschätzt? Es gibt Behinderte, die sich kaum verbal ausdrücken können und haben dennoch ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein. Diesen Menschen das Wahlrecht abzusprechen, wäre nicht gerecht.“

Derselben Meinung ist auch AmĂ©lies Mitbewohnerin Claire. Sie ist angehende Sonderpädagogin und lebt zur Zeit als Betreuerin in der Wohngemeinschaft für geistig Behinderte. Sie schlägt AmĂ©lie vor, einen Test im Internet zu machen. Auf der Seite Mon vote Ă  moi (übersetzt in etwa: Meine eigene Wahl) finden sich 35 unterschiedliche Standpunkte zu politischen Themen. Zu jedem Thema kann der Besucher angeben, ob er damit einverstanden ist oder nicht. Am Ende vergleicht die Internetseite die Daten mit den Wahlprogrammen der Präsidentschaftskandidaten. So kann der Benutzer erkennen, mit welchem Politiker er am ehesten übereinstimmt.

AmĂ©lie ist sofort sehr angetan von dieser Idee und so setzen sich die beiden vor den Computer. Während AmĂ©lie sehr laut ihre Zustimmung oder ihr Entsetzen über die verschiedenen Thesen kund tut, versucht Claire neutral zu bleiben. Manchmal hat AmĂ©lie Fragen. Vor allem in der Finanzpolitik kennt sie sich wenig aus. Claire probiert so objektiv wie möglich zu erklären. Fünfunddreißig Mal klickt der Zeiger auf dem Bildschirm. Am Ende präsentieren sich die Kandidaten aufgereiht in einer Rangliste. Ganz oben: Marie-George Buffet. Die Kandidatin der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF).

AmĂ©lie ist erstaunt. Niemals hätte sie sich mit dem politischem Gedankengut dieser Frau auseinander gesetzt. Ihr Gesicht gefiel ihr einfach nicht. Mit einem Mal steht sie auf und verschwindet. Als Claire sie einige Minuten im Wohnzimmer wiederfindet, ist AmĂ©lie dabei das Programm der Kommunistin Buffet zu lesen.

Von allein hätte AmĂ©lie sich allerdings wohl nicht auf diese Weise mit den Kandidaten auseinander gesetzt. Das weiß auch Claire: ,,Die Wahlprogramme der Politiker sind zu kompliziert. Man müsste die Parteien dazu bringen, eine vereinfachte Version ihrer Programme zu veröffentlichen. Davon würden wahrscheinlich nicht nur die geistig Behinderten profitieren.“

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